Wie lebt es sich im Paradies?

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Es ist wahrscheinlich die meist gestellte Frage von Freunden, Familie und Leuten, die ich in Europa verlassen habe, seitdem ich im Juli 2009 nach Französisch-Polynesien gezogen bin. Wie beantworte ich die Frage ehrlich und genau? Ich versuch es mal…

“Wie lebt es sich im Paradies?” Die Frage scheint einfach zu sein, und eine Antwort scheint auch schon parat zu liegen. Man erwartet, dass die Antwort “einfach perfekt” sein muss, da es unmöglich erscheint, dass es im Paradies nicht so sein könnte. Aber ist es wirklich das Paradies?

Naja, es ist nicht leicht das zu erklären, Fakt ist jedoch, dass das Leben auf einer Insel, mitten im Pazifik, ein recht normales und gewöhnliches Leben, mit so manchen Vor- jedoch auch mit so manchen Nachteilen, ist. Lasst uns also die zwei Gesichter des Paradieses ein wenig genauer betrachten.

Von: vicuna

Die schöne Seite, wie kann es anders sein, beinhaltet die wunderschöne Landschaft, mit den tollen Farben der Natur und des Wasser: die Schönheit der Inseln und all den Aspekten, die zu dem Bild beitragen, was wir unter Paradies verstehen und so benennen.

Natürlich genießen wir das Leben an solch einem Ort; ein Leben in engem Kontakt mit der Natur und der See zu führen: windsurfen, tauchen, mit dem Kayak zur Lagune paddeln oder dorthin gehen, usw. – all das ist wunderbar und wir lieben es! Die Möglichkeit, Länder um den Pazifik herum besuchen zu können, ist auch ein Vorteil hier zu leben.

Von: vicuna

Sehr schön am Leben, hier an diesem Ort, ist der Rhythmus: keine Hast kein Stress – nie!
Die Leute sind friedlich, ruhig und geduldig mit allem – eine großartige Lektion für uns Leute aus der nördlichen Hemisphäre, die wir besessen sind von Zeit und Schnelligkeit. Es gibt viel zu lernen, von der Einfachheit des Lebens, und der Fähigkeit sein diese zu akzeptieren. Da man nicht von der westlichen Lebensart geleitet wird, wird man mit sich selbst konfrontiert. So lernt man mit sich selbst zu leben und teilt diese Einfachheit mit seinem Partner. Wir wurden bei unserer Ankunft gewarnt, dass viele Paare, die hier zusammen her ziehen, späterhin alleine oder getrennt leben, da das Leben hier einem nicht gestattet sich selbst in einer Beziehung zu belügen. Wenn man nicht miteinander glücklich ist, dann wird das Leben auf dieser Inseln einem das nicht arrangieren – nichts wird helfen! Auf der anderen Seite, wenn man hier immer noch zusammen glücklich ist, dann ist das ein Zeichen für eine starke und ehrliche Beziehung! Wir?
Wir sind immer noch zusammen und glücklich, und unser fast zweijähriger Aufenthalt auf dieser Insel hat unser Beisammensein und unsere Liebe gestärkt. Und das ist natürlich pure Freude.
All das trägt zu den schönen Seiten des Paradieses bei! :)

Von: vicuna

Aber das Bild vom “Paradies” ist nicht immer wahr und hat einen historischen sowie kulturellen Hintergrund(Achtung: Hier spricht ein Geschichtslehrer, haha!)

Das mythische Bild vom “Paradies” wurde vom 18. Jahrhundert an erschaffen, von den ersten Navigatoren die diese Inseln erkundeten (darunter Samuel Wallis, Antoine de Bougainville und James Cook, welche die ersten waren die Tahiti im Jahre 1767-1769 entdeckt hatten) und die Geschichte von einem der schönsten Orte der Welt verbreiteten, wo die Menschen in der Natur und in Frieden leben.

Darin lagen sie nicht falsch, recht hatten sie jedoch auch nicht, da diese Seefahrer aus Europa in den Inseln nur das sahen, was sie sehen wollten. Sie betrachteten nicht den Aspekt der Gewalt in der polynesischen Gesellschaft, auch nicht die starke und strenge soziale Hierarchie, die dort üblich war.

Später, im 19. Jahrhundert, waren es u.a. Maler wie Paul Gauguin, die für die Verbreitung des Bildes von einem Paradies beitrugen, mit Bildern von Tahiti und den Marquesas Inseln.

Ich werde nicht weiter auf diese historischen Aspekte eingehen. Bei Interesse kann man sich die Schriften von Bougainville oder Cook anschauen, und ihre Beschreibung der polynesischen Gesellschaft nachlesen, oder man sieht sich die Bilder von Gaugin an. Die Erläuterung dient nur, um zu verdeutlichen, dass wir Leute aus westlichen Ländern ein vorgefertigtes Bild von einem “Paradies” haben, was nicht der Realität entspricht, wenngleich einige Aspekte wirklich sind. Kompliziert, nicht wahr?

Von: vicuna

Um mich klar auszudrücken, manchmal habe ich das Bedürfnis zu sagen, dass das Leben auf einer Insel nicht immer einfach ist, dass wir manchmal gerne woanders sein wollen würden, es einfach nicht mehr auf dieser kleinen Insel aushalten.

Wir haben manchmal das Gefühl in einer Art goldenen Käfig zu sitzen: Platz ist begrenzt auf dieser Insel (170 km²) und um auf die anderen Inseln zu kommen, muss man – für sehr viel Geld – mit einem Flugzeug dorthin fliegen, da es weder Fähren noch Boote gibt um dort hinzukommen, abgesehen von sündhaft teuren Kreuzfahrtschiffen. Man kann sich also sehr erdrückt fühlen, von diesem winzigen Stück Land, umgeben von einem unendlich großen Ozean.

Sonderbar ist auch, dass man an diesem Ort sehr wankelmütig sein kann: Manchmal fühlen wir uns erfüllt mit Euphorie, lieben unser Leben auf dieser Inseln, finden es das Beste was man haben kann. Am Tag darauf fühlt man sich leer, müde und man entwickelt eine Aversion gegenüber diesem Ort – man will nur noch woanders sein. Wir machten uns zu Beginn sehr viele Sorgen über solche raschen und wesentlichen Stimmungsumschwünge, andere Kollegen aus Europa erzählten uns jedoch, dass es fast jedem, der nicht auf einer Insel geboren wurde, genauso ergeht. Die starken Schwankungen kommen offenbar vom Einfluss den das Meer auf einen ausübt, und dem hohen atmosphärischem Druck, der einen umgibt.

In gewisser Hinsicht treten solche Stimmungsschwankungen überall auf der Welt auf, sind jedoch anscheinend intensiver, befindet man sich auf einer kleiner Insel. Die Polynesier haben sogar ein extra Wort für dieses Gefühl: “Fiu” genannt (ausgespr. wie das engl. Wort “few”), und meine Schüler verwenden es häufig, wenn sie keine Lust haben zu lernen (das bedeutet fast jeden Tag)!

Von: vicuna

Nach einer Zeit gewöhnt man sich an den Ort und an die Arbeit, entwickelt eine tägliche Routine – wie an jedem anderem Orte auch. Demnach sieht man die Schönheit der Gegend nicht mehr, es wird gewöhnlich, da man es jeden Tag zu sehen bekommt. Wenn Freunde oder die Familie uns besuchen kommen, dann erinnern sie uns wieder daran, wie wundervoll es hier ist, und es ist wichtig, dass sie uns bei Zeiten wieder darauf Aufmerksam machen wie schön es hier doch ist.

Ein anderer Punkt ist das gesellschaftliche Leben hier: um ehrlich zu sein, es passiert nicht sonderlich viel hier. Sobald es dunkel wird (um 18:00 herum) bleiben die Leute zu Hause und gehen nicht gerne aus. Also, keine Spur von einem Nachtleben. Dasselbe gilt für Kultur und Unterhaltung – so gut wie nichts.

Von: vicuna

Und dann ist da noch das Problem mit Natur und Umwelt: Müll, und wie man damit umzugehen hat. Als Tourist sieht man immer nur die schönen Seiten dieser Insel und nicht wie die Situation eigentlich beschaffen ist. Die Natur ist wunderschön, leidet jedoch sehr. Seitdem sich die Gesellschaft in Tahiti mehr und mehr dem westlichen Lebensstil angepasst hat, neigen sie dazu auch mehr und mehr “moderne” Produkte zu konsumieren. Das Problem mit diesen Produkten ist, das sie sehr viel Müll produzieren (zumeist Plastik), der nicht immer einfach zu regulieren ist, und wenn doch, dann bedarf dies sehr viel Ausrüstung und kostet sehr viel.

Da es Französisch-Polynesien sehr an solcher Ausrüstung mangelt, landet ein Großteil an Müll in der Natur. Die Menschen neigten früher dazu ihren ganzen Müll in der Natur zu entsorgen, und solange die traditionelle Lebensweise noch wichtig war, war das im Grunde egal: da alle Produkte auch aus der Natur stammten (Früchte, Gemüse, Kokosnüsse, Holz, Blätter etc.) wurden sie auch von dieser automatisch wieder entsorgt. Heute haben sich die Produkte geändert, die Leute neigen jedoch dazu sich wie früher zu verhalten und entsorgen ihren Müll weiterhin in der Natur. Da wir nah am Wasser wohnen, vergeht kein Tag, an dem keine Plastikflaschen oder Tüten in der Lagune aufsammeln. Und es ist leider üblich, dass man barbarische Müllhalten in mitten der Natur zu sehen bekommt. :(

Von: vicuna

Zuletzt noch zum Wetter: man hat nicht immer perfekt paradiesische Sonnentage, wie es sich die meisten vorstellen. Klar, derart schönes Wetter hat man häufig, aber es regnet auch, SEHR VIEL sogar – besonders während der Regenzeit zwischen Oktober und März. Etwas weniger Regen hat man in der Wintersaison (April-September). Man kann deshalb manchmal nicht das Haus verlassen, besonders während der Hurricanesaison (Januar-Februar). Meine Schwester hat bei ihrem Besuch im Februar letzten Jahres sehr viel Pech: nur ein sonniger Tag in zwei Wochen. Sie war ein recht enttäuscht.

Von: vicuna

Manchmal höre auch Touristen die sehr enttäuscht sind, mit ihrem Aufenthalt auf Raitatea, da es nicht ihrer Vorstellung von einem Paradies entspricht z. B. gibt es dort keine traumhaft weiße Sandstrände direkt auf der Insel, dazu muss man zu den Korallenriffen bei den kleinen Sandinseln, “motu” genannt, fahren. Man sollte nicht mit großen Erwartungen und Ansprüchen hierher kommen, sondern einfach das akzeptieren was man sieht, auch wenn es nicht der eigen Vorstellung entspricht.
Versteht mich nicht falsch, ich liebe das Leben hier und will mich ganz und gar nicht beschweren! Wir sind beide sehr glücklich hier zu sein und genießen es sehr, will jedoch klarstellen, dass das “Leben im Paradies” de facto ein ganz normal Leben, mit seinen guten und schlechten Seiten, ist. Es mag schwer zu glauben sein, man muss jedoch im Kopf zwischen dem Idealbild von einem Paradies und dem, was ein echtes Leben auf einer Insel ausmacht, unterscheiden können. Es ist ein einfaches Menschenleben, wie in anderen Orten auf dieser Welt! :))

Von: vicuna

P.S.: Dies war zuvor ein Blog-Eintrag von mir, dachte mir jedoch, dass es als Artikel für die Rubrik “Analogue Lifestyle”, ebenfalls von Interesse sein könnte. Tut mir Leid, wenn ihr den Artikel schon kennt, ich hab ihn jedoch ein wenig modifiziert! ;)

written by vicuna on 2011-08-24 #lifestyle #analogue #paradies #strand #lomography #schonheit #insel #real-life #freude #leben #analogue-lifestyle #gluck #echte-leben
translated by 12_12

2 Comments

  1. vicuna
    vicuna ·

    Danke @12_12 für die Übersetzung! :))

  2. devildi
    devildi ·

    wow... sehr interessanter artikel.... ! vielen dank dafür !!!

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