Die Bedeutung der Lomographie

1

Eine ganze Weile schon möchte ich über die Bedeutung der Lomographie schreiben. Nicht nur in Bezug darauf, das Analoge am Leben zu halten, sondern eher über die Wichtigkeit dieser Community und den tatsächlichen Effekt von Lomographie auf eine Person. Bisher wusste ich nie wirklich wie ich anfangen soll… Jetzt weiß ich es.

Neulich wurde bei mir eine Generalisierte Angststörung diagnostiziert, das heißt im Grunde, dass ich meine Angst nicht kontrollieren kann und deshalb quasi vor allem Angst haben muss.
Das ist schon mein ganzes Leben so, ich habe es nur vor allen geheim gehalten. Bis vor kurzer Zeit wusste ich nicht, dass es okay ist wenn ich mich so fühle und ich habe Jahre damit verbracht mich selbst zu zwingen Dinge zu tun, die mir wirklich Angst machen. Beispielsweise mich beim Anblick des nahenden Postboten hinter einer Tür zu verstecken, damit er mich nicht sieht, den Gebrauch eines Telefons ständig zu umgehen (ich danke Gott für SMS und E-Mail!) und Kneipen mit “Magenschmerzen” verlassen zu müssen, quasi sobald ich sie nur betreten habe. Der schlimmste Teil sind die Visionen von Lukas wie er verletzt wird, eine Klippe hinunter- oder aus einem Flugzeug stürzt, wie er überfahren, gefressen oder durch einen Stromschlag getötet wird – und mir, wie ich viel zu sehr vor Angst erstarrt bin, um zu helfen.

Meine Ehefrau musste schon einiges durchmachen: Wie ich Streits provozierte, um nicht mit ihren Freunden essen oder auf eine Geburtstagsparty von Lukas’ kleinen Freunden gehen zu müssen.
Wenn mir unbekannte Menschen zum Essen eingeladen waren, dann wünschte ich mir immer heimlich, sie würden zusammenbrechen oder irgendein besseres Angebot bekommen, oder von plötzlich auftauchenden Aliens entführt werden.

Vor einigen Jahren fuhr ich nach New York, um meine Schwester zu besuchen. Es war eine Tortur dorthin zu kommen – ich war alleine unterwegs, was nicht so gut ist, weil ich dann für alles verantwortlich sein muss, und dann ist da noch dieser kleine Acht-Stunden-Flug, was bedeutet: acht Stunden Höhenangst und Adrenalin. Dazu noch die Angst, auf öffentliche Toiletten zu gehen, das bedeutete auch, acht Stunden nicht zu pinkeln! Ich mag große Städte wirklich nicht, zu viele Menschen und nicht genug Platz, daher war New York wohl auch nicht gerade der beste Ort, aber es ist eben New York!
Natürlich musste ich dorthin! Wir gingen in die Moma Gallery, wo ich mir eine Fisheye 2 kaufte.

Meine Schwester musste dann einen Freund besuchen und natürlich konnte ich sie wegen meiner Angst vor Fremden nicht begleiten, also spazierte ich alleine in New York herum – nicht der beste Plan, aber ich brauchte auch eine Zigarette, um meine Nerven zu beruhigen, und da meine Schwester denkt, ich hätte aufgehört, war es ohnehin das Beste, dass sie das nicht sah.
Da war dann plötzlich die Puerto Rican Day Parade. Plötzlich war ich in einer Menschenmenge, einer großen Menschenmenge, die sich bewegte. Ich konnte nicht fliehen. Mein Herz explodierte beinahe, aber dann erkannte ich, dass ich die Wahl hatte mich entweder der Panik zu ergeben oder einfach mitzugehen.
Ich entschied mich dafür – und seitdem sind Menschenmassen für mich okay.
Danach wollte ich am Liebsten alles frontal anpacken. Aber das ist unmöglich.

Lomography bot mir eine Sicherheit. Ich kann mich selber in dieser Seite und ihren großartigen Bildern und Farben verlieren. Freundschaften schließen, über Gott und die Welt reden, alles hinter dem Schutzschild meines Laptop-Bildschirms. Das hier gibt mir einen Ort wo ich ohne Angst sagen kann, was ich möchte und ich habe keine Angst davor mich euch zu zeigen und beurteilen zu lassen.

Seit der Diagnose ist meine Welt ein wenig gebröckelt, um ehrlich zu sein, sogar ziemlich. Alle Verteidigungsmechanismen, die ich unbewusst aufgebaut hatte, sind mir genommen und in eine Kiste gesperrt worden, die dann verbrannt und dem Wind überlassen wurde. Für mich ist das eine sehr verwirrende und ziemlich unheimliche Zeit. Aber in dieser Zeit habe ich auch ein kleines Licht, an das ich mich halten kann, und zwar der Gedanke, meine Bilder vom Labor zurück zu bekommen, Locations und Reviews zu lesen und zu schreiben, bei Wettbewerben mitzumachen, wo gewinnen nur halb so wichtig ist wie teilzunehmen und mir neue Möglichkeiten überlegen, wie so eine Kamera benutzt werden kann.
Aber hauptsächlich ist es, mich in wirklich wundervollen Bildern zu verlieren, die mir erlauben nicht zu denken, keine Angst zu haben und meinen sonst eher hängenden Kopf oben zu halten.

Jetzt lebe ich in Dänemark, was für mich extrem beängstigend ist: Viele neue Dinge, an die ich mich erst mal gewöhnen muss. Und zu allem Übel ist auch noch meine einzige Kamera, die Lomo LC-A kaputt und dann verloren gegangen, daher war meine ganze Sicherheit futsch und meine Ängste schossen wieder hoch.
Meine Verzweiflung war so groß, dass ich meine Frau dazu brachte, mich auf einen Flohmarkt zu begleiten, wo ich eine Konica C35 entdeckte. Diese Kamera machte es mir möglich zu fotografieren, zu erfinden und, für eine Weile, zu funktionieren.

Dankeschön LSI, dass ihr das macht, was ihr macht: All das hier am Laufen zu halten – und danke an die Community, einfach dafür, dass ihr überhaupt so fantastisch und kein bisschen furchterregend seid.

written by mattcharnock on 2011-05-06 #lifestyle #mattcharnock #lomography #lomo-lc-a #gad #analogue-lifestyle
translated by stadtpiratin

More Interesting Articles