Café St. Oberholz

1

Die Rosenthaler-Strasse 73a war für Berlin-Mitte-Flaneure lange Zeit ein grausiger Ort.
Nach der Wende logierte hier zehn Jahre lang ein Fastfood-Restaurant. Danach kam ein Schwulenclub, gefolgt von einer Table-Dance-Bar. Dabei war die Ecke Tor/Rosenthaler-Strasse wie geschaffen für eine Galerie, eine Bar oder eben ein edles Café. 2005 folgte das auch und es gab sich den Namen “St. Oberholz”.

Dem Kenner dieses Cafés mit dem Pony-Logo erschliesst sich, dass es im selben Haus in der Zwischenkriegszeit ein Gasthaus Aschinger als Treffpunkt von Künstlern und Intellektuellen gab.
Alfred Döblins “Berlin Alexanderplatz” war hier zu Gast wie Berthold Brecht und andere Berühmtheiten jener Zeit. Man liest in der Speisekarte, dass die heutigen Besitzer dieses Cafés die Tradition der Gebrüder Aschinger, die das Gebäude als Ihre neunte Bierquelle 1898 erbaut hatten, wieder aufleben lassen wollen. Als Reminiszenz an diese Tradition gibt es nicht nur die berühmte “Molle” und die “Fassbrause”, in der Vitrine am Tresen liegen neben Couscous-Salat und Zucchinipuffern auch Buletten, Knacker und Wiener Schnitzel aus. Nicht zu verachten sind im Sommer auch die hauseigenen Limo-Drinks.

Richtig berühmt in der heutigen Zeit jedoch ist dieser Ort nicht allein aufgrund seiner bewegten Vergangenheit, sondern wegen eines Buchs mit dem verwegenen Titel “Die digitale Bohème” (Holm Friebe und Sascha Lobo).
Seit Erscheinen dieses Buches, dass die Verschmelzung von Abhängen und Arbeiten preist, ist dieses Café das offizielle Hauptquartier dieser Spezies.
Es ist Kult und schon heute eine Legende.

Nirgendwo in der Stadt sieht man besser gekleidete Laptop-Träger, nirgendwo sonst so schnieke Apple-Geräte. An manchen Tagen kommt man sich vor, als hätte Apple hier seinen neuen Flagshipstore eröffnet. Hier schreiben Studenten ihre Arbeiten, Journalisten und Schriftsteller ihre Texte.
W-LAN ist gratis, die besten Plätze sind frühmorgens schon besetzt. Die Konzentration der anderen steckt an, gemeinsam webt man hier an einem grossen Ganzen. Für viele ist es der perfekte Arbeitsort.
Was für manche die Uni-Bibliothek ist, ist für Berliner Hauptstadtmenschen das St. Oberholz.
Das Café führt nebenbei auch einen Verlag und einen äusserst lesenswerten Blog.

Für mich jedenfalls gehört es an warmen Tagen zum wöchentlichen Ritual: Sich auf einen der roten Plastikschalen-Stühle vor dem Café setzen, Laptop auf dem Silbertisch aufklappen, surfen, Leute am Rosenthaler-Platz beobachten. Fertig ist das perfekte Berlin-Mitte-Gefühl.

St. Oberholz
Rosenthaler Straße 72a
10119 Berlin
U-Bahn Rosenthaler Platz
info@sanktoberholz.de
Web

Öffnungszeiten
Mo-Fr: 08:00-24:00
Sa-So: 09:00-24:00

written by schnitt on 2011-01-16 #places #cafe #kunst #berlin #location #deutschland #kultur #mitte #szene #rosenthaler-str #st-oberholz #digitale-boheme #sehenswurdigkeit

One Comment

  1. fakingsleep
    fakingsleep ·

    Beim ersten zufälligen Betreten dachte ich auch "Oh, es gibt von Apple ausgestattete Internet-Cafés!". Manchmal ist es schon extrem lustig, dort den Profilierungen der Medienfutzis, die sich ständig slbt googlen, um den anderen zu zeigen, wo sie überall zitiert wurden, zu lauschen..

More Interesting Articles