The Hell With Perfection — Freedom for Photography!

Kino International

Hereinspaziert, hereinspaziert, kommse ran, kommse rein und nehmen Sie Platz für eine Zeitreise in die Kinokultur der 60er Jahre, als Kinos noch Lichtspielhäuser oder Filmtheater hießen und nicht Multiplex.

Ein seltsamer, heller Baukörper mit einem weit überragenden Obergeschoß, an den Seitenwänden über und über bedeckt mit Reliefs und rätselhaften Figurengruppen. Die Kultstätte einer untergegangen fremden Kultur? Langsam öffnet sich die Glastür, ich trete ein, schaue mich um und bin verwirrt: Bin ich noch im Jahre 2010? Ein schneller Blick zurück, hinter mir lärmt der Verkehr der Karl-Marx-Allee, alles scheint normal. Doch vor mir ist alles ganz anders als man es sonst aus der üblichen Multiplex-Kinolandschaft kennt. Keine Pappaufsteller mit muskelbepackten Actionhelden oder niedlichen 3-D-Charakteren mit großen Kulleraugen, kein Geruch nach Popcorn oder in Käsesauce ertränkten Taco-Chips, keine grellbunte Beleuchtung. Statt dessen ein Foyer wie aus einer anderen Zeit, eine Kasse, gedämpftes Licht, Glas, Holz, eine Garderobe, noch mehr dunkles Holz. Irgendwie sehr 60er, aber auch quadratisch, praktisch modern.

Über eine Treppe geht es nach oben und hier verstärkt sich der Eindruck in einer vergangenen Epoche gelandet zu sein noch weiter. Boden, Wände, die niedrigen Tische mit den roten Sesseln, die schweren Leuchter an der Decke, die holzverkleidete Bar an der einen Seite, das alles wirkt so, als wären die letzen Jahrzehnt spurlos an diesem Gebäude vorübergegangen. Fast erwartet man Ulbricht, Honecker & Co. um die Ecke kommen zu sehen.

Dabei hat sich auch im Kino International seit seiner Fertigstellung 1963 einiges geändert. Die für die Staats- und Parteiführung vorbehaltene 8. Sitzreihe mit der extra großen Beinfreiheit gibt es nicht mehr, und die ehemaligen “Repräsentationsräume” in die sich die hohen Parteitiere bei Premierenfeiern zurückzogen, werden heute als Clubräume für die regelmäßigen schwul-lesbischen Partys genutzt. Tanz den Erich Honecker!

Was geblieben ist, ist der ganz besondere Charme des Kinos und seine zeitlose Eleganz, weswegen es sich auch heute noch als Premierenkino großer Beliebtheit erfreut. Ganz zu schweigen natürlich von dem Blick, den man vom Obergeschoß durch die große Glasfensterfront auf die Karl-Marx-Allee, das Café Moskau und den Alex hat.

Und noch etwas ist besonders beim Kino International: Die großen Filmplakate an der Fassade werden immer noch von Hand gemalt und erhalten damit ein Handwerk am Leben, welches in Deutschland fast schon ausgestorben ist. Wie gut, dass an manchen Orten die Zeit einfach stehenbleibt.

Artikel mit vielen Bildern vom Kino International

Artikel zum Thema Kinoplakatmalerei

Anfahrt: entweder bis zum Alexanderplatz und dann zu Fuß oder mit der U5 bis Haltestelle Schillingstr.

PS. Das Fotografieren im gesamten Kinogebäude wird übrigens leider nicht gerne gesehen. Also lieber nicht allzu offensichtlich mit der Kamera herumfuchteln und vor allem nicht verraten, dass ich Euch dazu angestiftet habe…;-)

written by fruchtzwerg_hh on 2010-11-02 #places #location #kino-cinema-berlin-kino-international-germany-lomo-lc-a-35mm-karl-marx-allee #reisetips

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