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Und wo ist die Mauer?

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Diese Frage hört man immer wieder von Berlin Besuchern. Von 1961 bis 1989 gehörte die Mauer zur Berliner Wirklichkeit. Heute muss man schon eine Weile suchen, wenn man noch Spuren dieses unfassbaren Bauwerks finden will.

Wenn man heute durch Berlins Mitte schlendert, fragt man sich manchmal, ob einem die Erinnerung nicht einen bösen Streich spielt. Da war doch mal die Mauer, nur wo? 28 Jahre lang bestimmte sie auf unheimliche und unheilvolle Weise das Wesen der Stadt und bis heute scheint sie in die Köpfe und Herzen vieler Menschen noch immer ihren langen Schatten zu werfen. So existiert im Sprachgebrauch nach wie vor die Unterteilung in Ost- und Westberlin, als gäbe es das 184 km (einige Quellen nennen 155 km) lange Ungetüm aus Beton, Sperrgraben, Todesstreifen, Signalanlagen, Wachtürmen und Metallzäunen noch immer. Und ab und an trifft man Leute, die nur ungern nach “drüben” gehen – im Osten, wie im Westen der Stadt.

Doch im Gegensatz zu der Mauer in den Köpfen ist der reale “Antifaschistische Schutzwall” mit deutscher Gründlichkeit bis auf fast den letzen Betonkrümel entfernt worden. 45.000 Betonsegmente, 154 Kilometer Grenzzäune, 144 Kilometer Signal- und Sperrzäune und 87 Kilometer Sperrgräben wurden nach 1989 abgebaut und entfernt. Viel schneller als geplant, fiel im November 1990 das letzte Segment der innerstädtischen Mauer im Stadtteil Wedding. Heute ist sie in alle Welt verteilt, als kleines Bruchstück selbst erbeutet oder von “Mauerspechten” aus dem Beton gehackt und dann als Souvenir verkauft, als Geschenk an Staaten oder Organisationen um an die Geschichte der deutschen Teilung und deren friedlicher Überwindung zu erinnern oder auch als Kunstwerk – einige Mauerteile erzielten auf Auktionen Preise bis zu 20.000 EUR. Der Großteil der Mauer aber verblibb in Berlin, unsichtbar und fein gemahlen als Belag unter Parkplätzen und Straßen.

Konnte man früher den ehemaligen Verlauf der Mauer durch einen Blick nach unten noch am Wechsel des Straßenbelags von Asphalt (West) zu Kopfsteinpflaster (Ost) erkennen, so wurde auch dieses Unterscheidungsmerkmal im Laufe der Zeit immer weiter nivelliert. Im innerstädtischen Bereich erinnert heute eine Doppelreihe aus Kopfsteinpflastersteinen an ihren einstigen Verlauf.

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Erst als die Mauer schon weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden war, mehrten sich Forderungen, wenigstens Teile als Mahnmal zu erhalten. Aus dem verhassten Bauwerk wurde plötzlich ein zu schützendes Kulturgut. Einige Abschnitte wurden daraufhin eilig unter Denkmalschutz gestellt, für manche kam der Beschluss allerdings zu spät, sie waren zum Zeitpunkt der Beschlussfassung bereits abgerissen worden. Das wohl bekannteste Überbleibsel ist die sogenannte East-Side-Gallery am Spreeufer an der Oberbaumbrücke in Friedrichshain. Aber das einzige Teilstück, wo man wirklich das gesamte Ausmaß dieses unheimlichen Bauwerks sehen und erfahren kann, ist die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße.

Dieser Abschnitt erreichte bereits 1961 traurige Berühmtheit, denn hier standen die Häuser im Ostteil der Stadt, während der Bürgersteig davor schon zum Westen gehörte. Deshalb spielten sich hier in den Stunden und Tagen nach der Errichtung der Mauer besonders dramatische Szenen ab. Menschen versuchten aus den Fenstern zu klettern oder sich von den Dächern abzuseilen, um so doch noch in den Westen zu gelangen. Ebenfalls hier entstand das berühmte Foto des Bereitschaftspolizisten Conrad Schumann, der über Stacheldrahtrollen hinweg sprang. Auch diverse Fluchttunnel wurden von den Kellern der Häuser der Bernauer Straße in den Westen hinüber gegraben. Um auch diese Schlupflöcher zu schließen, wurden die Häuser zwangsgeräumt, Fenster und Türen vermauert und bis zum Jahre 1963 komplett abgerissen.

Noch heute klafft dieser ehemalige “Sicherungsstreifen” entlang der Bernauer Straße wie eine große Narbe im Gesicht der Stadt. An diesem historischen Ort erstreckt sich nun auf einem 1,4 Kilometer langen Areal die Gedenkstätte, die mit Ausstellungen und Dokumentationen die Geschichte und die tragischen Geschichten rund um die Berliner Mauer erzählt und an die zahlreichen Opfer erinnert. Bis 2012 wird die Gedenkstätte noch weiter ausgebaut aber schon jetzt kann man das Dokumentationszentrum und das von den Architekten Kohlhoff & Kohlhoff errichtete Denkmal besichtigen, welches einen kompletten Mauerabschnitt einfasst und die Monströsität des Bauwerks visuell unterstreicht.

Der Eintritt ist frei und das Areal ist rund um die Uhr zugänglich.

Weitere Informationen über die Gedenkstätte

Und wer noch einmal ganz genau wissen will, wo die Mauer verlief, dem sei diese Internetseite empfohlen

written by fruchtzwerg_hh on 2010-10-18 #places #location #berlin-mauer-gedenkstatte-mahnmal-geschichte-deutschland #reisetips

2 Comments

  1. emmasknopf
    emmasknopf ·

    Extrem toll geschrieben!

  2. d_i_d
    d_i_d ·

    Ja, sehr feiner Beitrag!

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