Die Bedeutung von Verbindung — ein Interview mit Anna Försterling

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Anna Försterling ist eine in Deutschland ansässige Fotografin, die sich auf Porträt- und Kunstfotografie spezialisiert hat. Ihre zeitlosen Fotografien, die die Vorstellungen von Intimität und Schönheit des menschlichen Körpers erforschen, sind die Art von Bildern, für die man ein wenig Zeit braucht, um sie aufzunehmen und zu bestaunen. Sie glaubt fest daran, eine Verbindung zu ihren Themen herzustellen, und das zeigt sich in ihren Arbeiten. Ihr minimalistischer Stil hat ein gewisses Maß an Emotionen, Kunstfertigkeit und Intensität, das heutzutage selten ist. In diesem Interview sprechen wir mit ihr über ihre Arbeit und darüber, wie sie es schafft, so viel mit so wenig zu sagen.

© Anna Försterling, All rights reserved.

Hallo, Anna und willkommen beim Lomography Magazine! Was machst du und was hat dich auf deine fotografische Reise gebracht?

Ich bin Fotografin und fotografiere gerne Menschen auf analogem Film. Porträts und Aktfotografie gehören zu meinen Herzensangelegenheiten. Ich fotografiere seit etwa neun Jahren und habe mit der Makrofotografie von kleinen Tieren und Pflanzen begonnen. Das faszinierte mich so sehr, dass es nicht lange dauerte, bis ich mir eine bessere Fotoausrüstung kaufte, um noch bessere Fotos zu machen. Dann entschied ich mich, Berufsfotografin zu werden, und suchte nach Lehrstellen.

Zuerst klappte es nicht, meine gewünschte Ausbildung zu bekommen, aber ein Jahr später begann ich endlich mit der Schule. Das war im Jahr 2014. Diese Zeit war sehr wichtig für mich, weil ich in der Schule mehr über die analoge Fotografie gelernt habe und dort auch meine künstlerische Ausbildung erhielt. Plötzlich wollte ich nur noch Menschen statt Tiere fotografieren und war sehr inspiriert von den Fotokünstlern der 70er und 80er Jahre. Sie inspirieren mich auch heute noch, aber meine größte Inspirationsquelle ist die Musik. Seitdem bin ich von der Menschenfotografie fasziniert und fotografiere heute fast ausschließlich Porträts und Akte. Im Jahr 2017 habe ich meine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Seitdem arbeite ich in Teilzeit in einem Fotolabor und bin ansonsten selbstständig.

Warum Filmfotografie?

Film ist einfach magisch. Ich kann es nicht genau erklären, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich meine Gefühle, Emotionen und Geschichten mit diesem Medium besser transportieren kann. Aber Film ist auch mehr als nur das Endprodukt, nämlich das Foto. Film ist ein ganzer Prozess bis hin zum fertigen Bild. Damit meine ich, dass man ganz anders zu fotografieren beginnt, wenn man nur eine begrenzte Anzahl von Bildern fotografieren kann. Man neigt dazu, mehr darüber nachzudenken, und es gibt keine großen Entscheidungsfragen bei der endgültigen Bildauswahl. Man kann sich beim Fotografieren auch besser auf die Person vor der Kamera konzentrieren, weil man nicht auf eine Anzeige schaut, man wird nicht abgelenkt. Ich denke, das stärkt die Verbindung zwischen Modell und Fotograf. Darüber hinaus besteht auch eine starke Bindung zwischen dem Fotografen und seinen Bildern, den Negativen. Denn er muss seine Bilder noch entwickeln, und die Erwartung steigt ins Unermessliche! Für mich ist das einfach zauberhaft, vergleichbar mit Weihnachten und dem Auspacken von Geschenken.

Für mich ist ein Porträt auf Film empfindlicher und stärker als ein digitales Porträt. Es geht nicht um irgendwelche digital/analogen Religionen, ich spreche nur über meine Gefühle. Und ich habe auch eine Vermutung: Ich denke, dass ein organisches Material wie der Film ein organisches Subjekt wie einen Menschen besser darstellen kann. Es kann Gefühle und Emotionen besser transportieren als ein kalter anorganischer Sensor.

© Anna Försterling, All rights reserved.

Wie hast du entdeckt, dass Dir das Fotografieren mit Film besonders zusagt?

Während meiner Ausbildung hatte ich die Möglichkeit, mit vielen verschiedenen Kamerasystemen - sowohl analog als auch digital - zu experimentieren und zu fotografieren. Außerdem hatten wir in unserem Ausbildungszentrum ein Labor für die Entwicklung von Filmen und für die positive Entwicklung auf Papier. Es ist praktisch, wenn man einen Lehrer dabei hat, der einem alles erklärt und zeigt. Mein Einstieg in die analoge Fotografie war also sehr einfach und praktisch. Inzwischen habe ich mir bereits eigene analoge Kameras (35 mm und Mittelformat) gekauft und mit ihnen experimentiert. Wenn man Spaß an der analogen Fotografie hat, sind die Möglichkeiten fast unbegrenzt!

Deine Porträtarbeit ist einfach umwerfend. Wie kommst du zu deinen Konzepten?

Ich lasse mich gerne von der Musik und meiner Umgebung inspirieren. Aber am liebsten durch Musik. Rockmusik von den 60er bis zu den 90er Jahren, Grunge und Metal. Gelegentlich auch klassische Musik, wenn ich mich an mein Klavier setze. Aber leider ist das wieder etwas seltener geworden. Wenn ich eine Idee habe, muss ich sie aufschreiben oder irgendwo skizzieren. Aber manchmal kommen neue Ideen während des Fotografierens - sei es durch das Modell, die Landschaft, den Ort oder das Licht.

© Anna Försterling, All rights reserved.

Was möchtest du mit deiner Arbeit vermitteln?

Ich würde mich freuen, wenn man sich einfach an meiner Fotografie erfreuen und/oder erkennen könnte, dass der weibliche Körper so vielseitig ist! Es geht nicht um Erotik, die Kleidung lenkt nur vom Wesentlichen ab. Die Haut ist für mich ein so wichtiges Organ. Sie ist das andere Organ, das neben den Augen die Seele zeigt. Und in meinen Porträts möchte ich so viel Seele wie möglich zeigen.

Wir lieben es, wie du die Schönheit der weiblichen Form geschmackvoll in Szene setzt. Es ist ermächtigend und gleichzeitig voller Emotionen. Wie hast du diesen Stil des Schießens entwickelt?

Eine schwierige Frage, ich schätze, das ist einfach meine Art, die Menschen zu betrachten. Aber natürlich spielt auch der Umgang mit den verschiedenen Gestaltungselementen wie Licht und Schatten sowie der Sinn für die Szene eine Rolle. Das Wichtigste ist aber der Umgang mit den Menschen vor der Kamera - welche Art von Verbindung man herstellen kann und natürlich, ob sich alle wohl fühlen. Die geringste Störung würde wahrscheinlich alles ruinieren.

Wie knüpfst Du eine Beziehung zu Deinen Modellen?

Das Wichtigste ist, zuerst eine Verbindung herzustellen, und das ist am besten und einfachsten mit Reden zu erreichen! Als Fotograf ist es auch sehr einfach, da man leicht einen Einstieg findet, indem man gemeinsam über Ideen und Umsetzung des Projekts spricht, was daran wichtig ist und wo die Komfortbereiche für das Modell liegen. Wenn ein Interesse beim Modell besteht (übrigens ist es immer günstiger, mit Menschen zu arbeiten, die sich für den eigenen Stil und - in meinem Fall - für die Filmfotografie interessieren), kann man auch die Kameratechnik erklären und wie alles funktioniert. Bisher waren alle davon begeistert! Und dann fängt man an, über private Dinge zu sprechen, als wäre man ganz allein. Während der Dreharbeiten frage ich immer, ob alles in Ordnung ist, ob sich die Person noch wohl fühlt oder ob eine kurze Pause angebracht ist.

Ich arbeite immer mit einem Konzept im Kopf und erkläre es dem Modell. Als Ergebnis gebe ich genaue Anweisungen zu Pose, Haltung, Ausdruck und Platzierung an der Location. Dadurch wird verhindert, dass sich das Modell unwohl fühlt, weil es nicht weiß, was es vor der Kamera tun soll (manchmal arbeite ich mit Leuten, die unerfahren vor der Kamera sind). Dieser Punkt ist sehr wichtig, denn wenn die Person vor der Kamera unsicher ist und man ihr keine Sicherheit geben kann, weil die Anweisungen fehlen, werden die Fotos nicht gut sein.

Natürlich kann man es auch anders machen, das Wichtigste ist, dass der Fotograf und das Modell wissen, wie sie beide arbeiten und dann miteinander arbeiten. Viele Fotografen fotografieren spontan und erzielen großartige Ergebnisse.

© Anna Försterling, All rights reserved.

Was macht Deiner Meinung nach ein gutes Foto aus? Braucht man die beste Ausrüstung, um qualitativ hochwertige Inhalte zu veröffentlichen?

Ihr kennt die Antwort: Natürlich nicht, die beste Ausrüstung ist sinnlos, wenn man nicht damit umgehen kann. Man kann mit einfachsten Mitteln geniale Fotos erstellen, das Geheimrezept ist, seine Technik zu kennen und vor allem über den Bildinhalt und die Bildgestaltung nachzudenken. Was nützt ein technisch perfektes Foto, wenn es todlangweilig ist? Für mich ist ein gutes Foto etwas, das mich fasziniert und mich dazu bringt, es lange anzuschauen. Sei es wegen einer Emotion, die ich erkenne oder empfinde, oder wegen einer komplexen, genialen Bildgestaltung. Oder weil das Licht brillant ist! Ich bleibe immer bei Bildern hängen, die ein tolles oder interessantes Licht haben.

Ich wähle meine Kameratechnik immer nach meinen Vorstellungen aus. Wenn ich zum Beispiel bewegte Fotos machen möchte, lasse ich meine Großformatkamera zu Hause und packe stattdessen meine 35 mm-Kamera ein.

Was ist Deiner Meinung nach das Wichtigste am Fotografieren?

Nun, Spaß und Inspiration. Ohne das ist es irgendwie einfach sinnlos.

Wie sieht ein perfekter Tag für Anna Försterling aus?

Ausschlafen, Müsli essen, zum Frühstück Musik hören, draußen in der Natur die Sonne genießen oder etwas anderes im Freien tun, mittags mit Musik essen, meine Katze kuscheln, Computerspiele spielen, mit der Familie oder mit Freunden Kaffee trinken gehen, abends einen Film mit Popcorn anschauen und Musik zum Einschlafen hören. So etwas in der Art oder vielleicht in einer anderen Reihenfolge ;-)

© Anna Försterling, All rights reserved.

Hast du bevorstehende Projekte? Bitte lade unsere Leser ein.

Für 2020 habe ich noch keine Projekte geplant, aber ich möchte andere Bereiche meiner Kreativität wiederbeleben, darunter Zeichnen und Klavierspielen.

Abschliesende Worte?

Lasst euch von niemandem sagen, was in der künstlerischen Fotografie richtig und was falsch ist, denn das gibt es nicht. Lasst euch nicht von der Technik kontrollieren. Habt die Kontrolle über die Technologie und konzentriert euch auf eure Vision und euer Design.


Wir möchten Anna dafür danken, dass wir ihre Bilder im Magazin veröffentlichen durften. Wenn du an ihrer Arbeit interessiert bist, kannst du ihre website und Instagram besuchen.

written by cheeo on 2020-01-29 #culture #people

One Comment

  1. swjosdotschka
    swjosdotschka ·

    Spannendes Interview, interessante Bilder - Danke !

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