Distant Bodies, Wired Souls: Eine Foto-Series von Naninca Lemmens

Die ergreifende Serie Distant Bodies, Wired Souls der Fotografin Naninca Lemmens dient ihr als persönliche Erforschung von Intimität und Romantik inmitten der Distanz, die sie und ihren Seelenverwandten trennt. In diesem Interview erzählt Lemmens von ihrer Entdeckung, was "Heimat" bedeutet und der Gestaltung der imaginären Welt in den surrealen Farben des LomoChrome Purple.

Aus Distant Bodies, Wired Souls

Hallo Naninca! Willkommen im Lomography-Magazin. Bitte erzähle uns etwas darüber, wer du bist und was du tust.

Hallo Lomography-Magazin. Danke, dass ihr mich zu diesem Interview eingeladen habt. Ursprünglich komme ich aus Maastricht, im Süden der Niederlande. In der kleinen Stadt wurde ich geboren und wuchs auch dort auf, habe aber immer schon davon geträumt, den Rest der Welt zu sehen. Ich bin so weit gereist wie ich konnte und habe viele Freunde in verschiedenen Städten gefunden. Hauptsächlich reiste ich aber nach Amsterdam und Brüssel. Vor vier Jahren habe ich mich entschlossen, meiner Leidenschaft zu folgen und in der Hauptstadt von Europa Fotografie zu studieren. Brüssel ist in der Nähe von Maastricht und in ein anderes Land zu ziehen war damit kein großes Problem. Der Umzug nach Brüssel hat meine gesamte Lebensperspektive erweitert. Noch nie zuvor war ich so offen und motiviert, wie durch meine Entscheidung, Künstlerin zu werden. In diesem Jahr habe ich an der LUCA School of Arts in Brüssel meinen Bachelor of Arts im Bereich Fotografie mit dem Schwerpunkt Audiovisuelle Techniken gemacht. In den vier Jahren des Studiums entwickelte ich mich auf vielerlei Arten weiter, da ich die Möglichkeit hatte, zu reisen und mich mit verschiedenen visuellen Techniken ausdrücken zu können.

Kannst du dich an das erste Mal erinnern, dass du eine Kamera in den Händen hattest? Wie waren deine ersten Aufnahmen?

Meine erste Erinnerung, wie ich eine Kamera in Händen hatte ... Nein, aber ich erinnere mich daran, wie ich meine erste eigene Kamera bekam, als ich 8 Jahre alt wurde. Es war ein Geschenk von meiner Tante, eine kleine rosa Kamera mit Tweety von den Looney Tunes, für 16mm-Film. Als ich älter wurde, hatte ich verschiedene Arten von analogen und digitalen Kameras, die ich auszuprobieren durfte. Mein Vater erkannte meine Affinität, oder eher meine Besessenheit von der Fotografie, da er als Kind selbst von technischen Dinge wie Motoren, Uhren oder Radios begeistert war. Da ich also diese Tweety-Kamera hatte, brachte mein Vater mir immer mal wieder verschiedenen Arten von Kameras oder Fotoausrüstung mit nach Hause, die ich ausprobieren durfte. Einmal brachte er mir eine riesige Kiste voller alten analogen Kameras und Zubehör mit, die ihm von einem älteren Herren geschenkt wurden, der ein Fotograf war. Die meisten Dinge waren defekt, aber diejenigen, die es nicht waren, nutzte ich, um mit ihnen zu experimentieren.

Als ich 14 Jahre alt war, suchte ich mir meinen ersten Job, um Geld für eine Canon EOS 20D zu sparen. Als ich mir die DSLR schließlich kaufen konnte, begann ich mit der Fotografie als Kunstform zu experimentieren. Ich war besessen davon, die schönen Erinnerungen einzufangen und die Menschen, die in mein Leben traten, zu porträtieren. Mir war besonders wichtig, alles so fotografieren zu können, wie ich es mir gerne einprägen wollte. Meine Bilder waren meist Portraits oder Selbstporträts in verträumten Szenarien. Ich erinnere mich, dass die Philosophie hinter Lomography und die deviantArt-Website eine wichtige Rolle für meine Anfänge als Fotografin gespielt haben. Ich fing damals an, mir online andere junge Künstler anzusehen, Fotos zu teilen und Feedback zu bekommen, mich über die Möglichkeiten der Fotografie zu informieren und internationale Freunde zu finden, mit denen ich noch immer befreundet bin. Die Fotografie war nicht nur eine Dokumentation meines eigenen Lebens, sondern auch ein Medium, das mir geholfen hat, der Realität zu entkommen. Ich habe es geliebt, meine eigene imaginäre Welt zu erschaffen. Es war, als würde man sich verkleiden, nur dass man eben schon groß war.

Aus Distant Bodies, Wired Souls

Was findest du an der Filmfotografie so attraktiv?

Was ich an der Fotografie im Allgemeinen liebe, ist, dass sie Kunst und Wissenschaft kombiniert. Sie ist ein Medium, das der menschlichen Wahrnehmung der "Realität" am nächsten kommt. Leute, die in der digitalisierten Welt aufgewachsen sind, haben irgendwann angefangen sich zu fragen, ob die Filmfotografie trotz moderner Wissenschaft und digitaler Innovationen weiter bestehen sollte oder nicht. Meiner Meinung nach sollten man nie vergessen, wie sich alles entwickelt hat, um selbst erfinderisch und originell zu bleiben zu können. Bilder auf Film zu machen, ist der beste Weg, die zu Grunde liegende Wissenschaft zu verstehen und sie schätzen zu lernen. Mit einer begrenzten Anzahl an Bildern auf der Filmrolle sucht man die Momente, die man festhalten will, noch sorgfältiger aus und weiß umso mehr zu schätzen, wenn diese Erinnerung in einer physischen Form gedruckt werden und die Erinnerung so nicht länger nur eine abstrakte Sache ist. Filmfotografie ist authentisch, deshalb glaube ich auch, dass sie die ausgewählten Momente und Menschen in ihrer reinsten Essenz einfängt. Fotografieren mit Film hat etwas Intuitives, das dein wahres Selbst als Fotograf zeigen kann. Warum sollten man diesen Momente oder jene Kompositionen wählen? Ich bin mir sicher, dass wir diese Fragen nur beantworten können, wenn wir anfangen, uns durch das reflektierendste Medium, das es gibt, selbst zu analysieren. Sobald wir unsere innere Stimme hören und verstehen, sind wir in der Lage, alles in der Welt zu erreichen und anderen in Not zu helfen.

Du hast vor Kurzem mit dem LomoChrome Purple eine wunderschöne Serie namens Invisible Places geschossen. Kannst du uns mehr darüber erzählen, wie du auf die Idee dazu kamst?

Die Idee kam mir von ganz allein. Alles begann mit meinem großen Interesse an diesem besonderen Film. Ich habe vorher schon mit der Fotografie auf Infrarotfilm experimentiert, aber es war eine ziemlich komplizierte Prozedur, bei der ich sehr vorsichtig mit dem Film sein musste, weil er so temperaturempfindlich ist. Am Ende enttäuschten mich die Bilder oft, weil ich keine zufriedenstellende Ergebnisse erzielen konnte. Später entdeckte ich dann diesen von der Infrarotfotografie inspirierten Film und ich war so aufgeregt, ihn auszuprobieren, Orte zu entdecken, wie man sie mit bloßem Auge nicht sehen kann und auch andere zu inspirieren, mit diesem Film zu fotografieren. Ich hoffte, durch meinen Artikel bei Painters Palace andere dazu zu inspirieren, kreativ zu sein und zeigte ihnen die Elemente, die man für eine fotografische Serie benötigt.

Du hast in deinem Artikel erwähnt, dass es in der Serie darum ginge, "in einer melancholischen Übergangszeit ein Zuhause zu finden". Was bedeutet "Zuhause" für dich?

Vielleicht klingt es es kitschig zu sagen "Zuhause ist da, wo das Herz ist", aber auf der Suche danach ergab das Sprichwort immer mehr Sinn für mich. Zuhause ist da, wo du dich wohl fühlst und wo du du selbst sein kannst, ohne irgendeinen Filter. Dass ich zu jener Zeit in meinem Lebens kein solches "Zuhause" oder eine "stabile Basis" hatte, führte mich zu dieser Serie, die visuell zeigt, dass mein Zuhause eine imaginäre Blase ist, die mich und meine Lieben umschließt.

Aus Distant Bodies, Wired Souls

Warum hast du dich entschieden, dieses spezielle Projekt mit dem LomoChrome Purple für fotografieren? Wie hat er dir geholfen, deine Heimatstadt wieder zu entdecken?

Nachdem ich den ersten LomoChrome Purple verschossen hatte, bekam ich plötzlich den Drang diesen Film öfter zu benutzen, aber ich konnte nicht genau erklären, warum. In einer melancholischen Zeit, die durch eine Fernbeziehung begründet war, bin ich viel gereist und hatte das Bedürfnis, meine Gefühle und Emotionen auf irgendeine Weise zu dokumentieren. Deshalb habe ich weiter intuitiv mit diesem speziellen Film fotografiert. Wegen der Cyan-Schicht auf dem Film beeinflusst jede Wetterbedingung das Aussehen des Bildes. Auch wenn der Himmel grau ist oder die Atmosphäre aufgrund des fehlenden Sonnenlichts langweilig scheint, vermag der Film, diese Trägheit in eine verträumte Umgebungen zu verwandeln. Vor allem als ich in den Tiefebenen Skandinaviens war, wo das Wetter eher emotional betäubend und grau ist, musste ich der Nüchternheit entfliehen und mein eigenes imaginäres Zuhause schaffen, in dem ich mich wohl fühlen konnte. Aber wie ich schon in meinem Artikel für den Painters Palace erklärte, glaube ich, dass dieser Film aufgrund des Empfindlichkeitsbereichs von 100 bis 400 ISO grundsätzlich für alle Wetterbedingungen geeignet ist. Ich habe im März 2016 angefangen, mit diesem Film zu fotografieren. Ich brauchte zwei Jahre, um zu verstehen, was ich mir selbst mitteilen wollte. Nach vielen verschiedenen Auswahlverfahren und Analysen von allen Fotos wurde mir klar: Der LomoChrome Purple hat mir dabei geholfen, meine eigene imaginäre Welt zu erschaffen und so eine sehr dunkle Zeit in meinem Leben zu überstehen. Die Serie Invisible Places, wie sie ursprünglich hieß, entwickelte sich zu einer sehr persönlichen Serie, die ich immer weiter führe und heute Distant Bodies, Wired Souls heißt.

Hast du ein Lieblingsfoto aus dieser Serie? Warum ist es für dich so besonders?

Jedes Foto aus der Serie erzählt einen kleinen Teil der Geschichte und ist eine Erinnerung für sich. Daher braucht es die Kombination aller Fotos für die komplette Anekdote. Aber so, wie die Geschichte weitergeht, geht auch meine Erzählung weiter. Um die ganze Serie zu sehen und nachvollziehen zu können, wie sich die Serie und meine fotografischen Fähigkeiten entwickelt haben, solltet ihr einen Blick auf meine Website werfen.

Aus Distant Bodies, Wired Souls

Was steht für Naninca Lemmens als nächstes an?

Ich weiß, dass ich noch viele andere Geschichten zu erzählen habe, die immer noch darauf warten, zum Ausdruck gebracht zu werden. Nach vier Jahren technischer Ausbildung in der Fotografie habe ich immer noch den Drang, als Künstler zu wachsen. Deshalb beginne ich dieses Jahr mein Masterstudium in Fotografie, um noch mehr Techniken zu entdecken, wie ich meine wahre Stimme in dieser visuellen Sprache ausdrücken kann, in der keine Worte gebraucht werden. Und natürlich werde ich weiterhin Artikel für den Painters Palace schreiben, um andere zu inspirieren, dasselbe zu tun und als Künstler zu wachsen.


Alle Fotos in diesem Artikel wurden von Naninca Lemmens zur Verfügung gestellt und mit ihrer Erlaubnis verwendet. Besuche ihre Website, um noch mehr Fotos aus ihrer Serie Distant Bodies, Wired Souls zu sehen.

2018-09-28
translated by dopa

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