Portraits aus der anderen Richtung: Eine aufrichtige Studie von Toby Harvard

Man kann mit einem Blick in das Gesicht alles über eine Person erfahren — die Stellung von Augen, Lippen und Brauen zeigt sofort die Gefühle der Person, aus denen man wie aus einem offenen Buch lesen kann. Doch in den Portraits des englischen Fotografen Toby Harvard bleibt all dies verborgen.

Hier ist unser exklusives Interview mit Toby:

© Toby Harvard

Hi Toby! Das Wichtigste zuerst, wir haben eine Menge Details in deinen Werken bemerkt. Obwohl sie in Bezug auf die Lebhaftigkeit der Farbe und Ästhetik variieren, scheinen deine Fotos eine gewisse Feinheit, Weichheit und eine schöne Mischung von Farben zu haben, ohne an Lebendigkeit zu verlieren. Würdest du uns erzählen, wie du diesen Stil “erschaffen” hast? Was für Filme und Kameras verwendest du?

Ich halte einfach drauf und hoffe, das dabei ein anständiges Bild entsteht. Meine technischen Kenntnisse sind minimal, es ist also ein ganz schönes Experimentieren und herumspielen mit den Einstellungen, dabei mache ich vermutlich auch vieles einfach falsch. Als Equipment nutze ich im Moment eine Pentax K1000, die ich mit dem Objektiv von einer alten Pentacon Six Mittelformatkamera ausgestattet habe. Ich nutze hauptsächlich 800 ISO Filme.

© Toby Harvard

Eine andere Sache, die uns auffiel ist, dass du die Leute häufig von hinten fotografierst, während sie in eine verschwommene Landschaft oder Szenerie blicken, oder einfach in’s Nichts. Gibt es einen tiefer gehenden Grund dafür?

Ich habe öfter einen wiederkehrenden Traum von einem Mann, den ich immer nur von hinten sehen kann. Das hat etwas mysteriöses, gespenstiges und unsicheres an sich.

© Toby Harvard

Zudem ist es in der Portrait-Fotografie traditionell so, dass man die Vorderseite der Leute fotografiert. Glaubst du, dass die Identität einer Person auch dann dargestellt werden kann, wenn man sie von hinten fotografiert?

Ich glaube, dies erlaubt dem Betrachter seine Vorstellungskraft zu nutzen: Man kann sich fragen, wer die Person ist, wie sie aussieht und wie ihre Geschichte ist. Portraits, die das Gesicht der Leute zeigen, scheinen zuviel von sich preis zu geben, falls das irgendeinen Sinn ergibt.

© Toby Harvard

Du scheinst bestimmte Foto-Genres zu vermeiden. Mit welchem Genre - sei es Landschafts, Street-, Portrait-Fotografie oder andere — fühlst du dich am wohlsten? Welches ist für dich am herausforderndsten?

Ich liebe die Street-Fotografie und die ehrlichen Aufnahmen von Fremden, die ihren Geschäften nachgehen. Die Leute wirken so faszinierend, wenn sie nicht bemerken, dass sie fotografiert werden. Doch diese urplötzliche Form der Fotografie ist sehr schwierig, wenn man auf Film fotografiert und ein manuelles 50mm-Objektiv nutzt. In letzter Zeit habe ich mehr mit Models gearbeitet und achte in Folge dessen darauf, besonnender zu sein, die Bilder genauer zu komponieren und mehr auf das Licht zu achten. Ich mag es auch, weiter neue Dinge auszuprobieren.

© Toby Harvard

An welchen Orten fotografierst du am liebsten und warum?

New York, Hongkong und ein Ort namens Polignano in Italien sind meine Lieblingsorte zum fotografieren. Ich schätze, das sind einfach sehr fotogene Orte mit einer Cineastisch-mystischer Atmosphäre.

© Toby Harvard

*Folgst du irgendwelchen bestimmten Kunstprinzipien? Würdest du uns erzählen welchen und warum?

Ich fürchte, da kann ich nicht viel erzählen, wenn ich ehrlich bin.

© Toby Harvard

Wer sind deine kreativen Helden und Musen? Was inspiriert dich?

Der kürzlich verstorbene Harris Savides war ein brillanter Filmemacher und seine Werke waren für mich sehr inspirierend, als ich aufgewachsen bin — seine Bildsprache hatte so eine reale Atmosphäre. Und dann sah ich ihn in der National Portrait Gallery in London, wie er einfach so umher schlenderte. Doch ich war zu schüchtern, zu ihm zu gehen und ihn anzusprechen und kurz darauf ist er dann trauriger Weise gestorben. Ich bereue wirklich, ihn nicht angesprochen zu haben…

Aber ich folge auch einigen großartigen Fotografen auf Instagram. Im Moment bin ich sehr begeistert von Lexie Alley und Leon Antonio James.

© Toby Harvard

Würdest du mit uns ein paar denkwürdige Erfahrungen teilen, die du als Fotograf hattest?

Vor einigen Jahren habe ich in den Hügeln über Los Angeles mit nächtlichen Time-Lapse-Aufnahmen experimentiert. Auf dem Rückweg, den Berg hinab, wurde ich von einem Berglöwen verfolgt, der sich an mich herangeschlichen hatte. Ich schätze, dies könnte man wohl ziemlich sicher denkwürdig nennen.

Was war für dich die schwierigste Erfahrung, was die analogen Fotografie betrifft?

Weil meine technischen Kenntnisse eingeschränkt sind und man auf die Entwicklung der Bilder warten muss, gibt es in der Film-Fotografie eine Menge Unsicherheit. Aber das ist schließlich auch Teil des Vergnügens.

© Toby Harvard

Wir haben erfahren, dass du auch cineastisch tätig bist, insbesondere bei dem Film “The Greasy Strangler”. Was war dabei deine Rolle und was war dies für eine Erfahrung?

Ja genau, ich schrieb The Greasy Strangler zusammen mit meinem Freund Jim. Wir haben uns dazu entschlossen, den lächerlichsten, seltsamsten, widerlichsten, befremdlichsten Film, obwohl wir davon ausgingen, dass er so nie gemacht werden würde. Doch dann haben Andy Starke, Ben Wheatley, Elijah Wood, Ant Timpson und Drafthouse Films das Skript gelesen und es geliebt und irgendwie wurde der Film dann genau so gemacht. Die gesamte Erfahrung war so surreal und es macht Spaß zu sehen, wie andere deswegen ausflippen.

© Toby Harvard

Und zum Schluss, welche Kunstform steht für dich als nächstes an?

Ich würde gerne das Schreiben von Drehbüchern weiter erforschen, falls möglich. Und natürlich werde ich weiterhin mit der Film-Fotografie experimentieren.


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written by Ciel Hernandez on 2016-08-15 #people
translated by dopa

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