Das Mojo der Lomografie

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Warum verfallen auch in diesem digitalen Zeitalter so viele Menschen dem Lomo-Virus?
Was kann diese (Zitat Wikipedia) “Art lässige Schnappschussfotografie” besser als ähnliche Fotos von modernen Digicams?
Viele verstehen es nicht. Manche Profi-Fotografen hassen uns dafür. Was ist es?
Ich habe versucht, den Lomo-Virus zu analysieren. Den Grund zu finden, der die Leute massenweise zur Lomografie treibt.
Mein Ergebnis: Einfach nur Spaß. Nicht mehr. Aber auch absolut nicht weniger!

Das Mojo der Lomografie

Schon seit ich vor etwas mehr als 2 Monaten mit einer Diana Mini kopfüber in die Lomografie gestürzt bin, frage ich mich, was den Reiz der Lomografie ausmacht.

Was bewegt die Leute dazu, ihre technisch ausgereiften Digitalkameras in die Ecke zu legen um stattdessen mit einer alten russischen Kamera aus der Sowjet-Zeit durch die Straßen zu ziehen?

Warum verzichtet man für Vignettierung, falsche Farben und übertriebenen Kontrast auf realistische, hochauflösende Bilder?
Weshalb 100 ISO Filme statt 10 Megapixel-Sensoren?
Warum (vor allem in Österreich) teures Geld für 36 Fotos zahlen, anstatt tausende Fotos gratis zu bekommen?

Warum Lomo- und nicht Fotografie?
Oder mit Austin Powers‘ Worten gesagt: Was ist das Mojo der Lomografie?

Die museumsreifen oder sexy Kameras? Der Überraschungseffekt beim Erblicken der Abzüge? Die Ergebnisse wirklich in der Hand zu haben, im Gegensatz zu digitalen Daten?
Nein. Ja. Vielleicht von allem etwas.
Aber die Essenz der Lomografie ist und bleibt Spaß. Purer Spaß.

Spaß in genau dieser Sekunde des Auslöser-Drückens.
Der komische/lustige/seltsame Moment, der in uns das Verlangen auslöst, ihn für immer festzuhalten.
Auf einem Foto!
Da bleibt keine Zeit für teure Fotoapparate, Bildkomposition oder Einstellungen.
Man will nicht zu einer komplizierten Kamera greifen, sich wochenlang mit deren Möglichkeiten auseinander setzen und dann auch noch auf die automatische Anfokusierung warten – der spezielle Moment wäre wohl schon längst vorbei.

Be fast!

Deshalb nimmt man einfach „irgend so eine alte Kamera“.
Eine, die gerade hier herumliegt. Oh, eine russische Lomo. Egal, einfach schnell zugreifen und den Auslöser drücken – und schon ist die Erinnerung im Kasten.

Und genau diese Spontanität sieht man auf den bunten, interessanten Lomografien, von lachenden, verzerrten Leuten, die lustige Dinge tun. Dass auf ihnen der Moment selbst und nicht der Moment des Fotografierens im Vordergrund liegt. Man fotografiert nicht – man hat Spaß und hält diesen dabei auch auf Bild fest.

Lomography is not an interference in your life, but part of it.

Dass dabei die Kamera und der Prozess des Fotografierens in den Hintergrund rückt, sieht der Foto-Betrachter auch direkt auf den Bildern.
Randabschattung, falsche Farben/Kontraste, Verzerrungen, Lightleaks – und was zum Geier heißt „Bildkomposition?“ – Das ist uns alles egal!
Natürlich hätten wir mit einer Profi-Kamera ein besseres Foto gemacht, aber was soll´s – so eine hatten wir gerade nicht zur Verfügung. Hauptsache, wir haben den Moment eingefangen.

You don’t have to know beforehand what you captured on film.

Doch Lomografie ist nicht nur Spaß für den Foto/Lomografen, sondern auch fürs Auge.
Was fast alle Lomografien gemeinsam haben, sind die außergewöhnlichen Farben und Perspektiven.
Die bunten Fotos mit den oft seltsam platzierten Objekten gefallen dem Auge = Gehirn, also auch dem Bestauner. Obwohl – oder eigentlich gerade weil – sie ganz anders sind als die perfekten Fotos, die uns täglich auf Werbeplakaten, in Magazinen und im Internet begegnen.
Sogar langweilige Motive wie Bodenmarkierungen oder Verkehrszeichen machen auf einmal Spaß beim Betrachten, da die Farben, Kontraste und Perspektiven schön hervortreten und deutlich off-Mainstream sind – und noch dazu dieses schön Retro-Feeling!

Der 3. Punkt, der für viele Lomografen von der Lomografie nicht wegzudenken ist, ist die experimentelle Komponente.
Aber bietet nicht Photoshop mehr Experimentier-Möglichkeiten als der analoge Sektor?
Wir haben verschiedene Filme, X-Pro, Mehrfachbelichtungen (+ Splitzer), Farbfolien und –blitze… und? Angesichts der unzähligen Möglichkeiten, die man beim digitalen Experimentieren hat, ist unsere Auswahl doch ziemlich begrenzt. Doch auch hier spielen wieder zwei ganz wesentliche Elemente der Lomografie mit: Lässige Einfachheit und der schöne Überraschungseffekt.

Wir drehen nicht an Sättigungs-Reglern, sondern am Splitzer. Wir müssen uns nicht stundenlang in die Photoshop-Wissenschaft einlesen, um gerade mal Kleinigkeiten zu bewerkstelligen.
Nein, wir klemmen einfach eine Folie vor den Blitz, drehen am Colorsplash oder den ISO-Einstellungen. Bei uns geht alles noch unverfälscht einfach. Wir sind nicht stolz auf unser foto(shop)technisches Unwissen; nein, wir freuen uns, dass wir unsere Zeit nicht vor dem Computer verbringen müssen, um die Bilder interessant zu machen. Für die Effekte sorgen für uns die Kamera selbst, ein wenig Zubehör und die eigene Kreativität.

Ihr seht, der „Arbeits“-Teil der Fotografie entfällt bei der Lomografie weitgehend (außer vielleicht das Digitalisieren der Negative). Alles, was das Lomografieren zu aufwendig machen würde, lassen wir weg.
Weil wir faul sind? Vielleicht. Wir konzentrieren uns halt auf das Wesentliche: Den Spaß am Hobby.

Lomografie in ihrem Kern ist also purer Fun. Egal, ob beim Fotografieren selbst oder beim Ansehen der Ergebnisse.
Das wussten auch schon die Erfinder der Lomografie, als sie damals in Prag mit den billigsten Kameras einfach verrückte Fotos schossen.

Don’t think!

Betrachten wir die vielen Bilder auf der Homepage oder einer Lomowall, ist der erste Eindruck, den wir bekommen: Spaß. Verzerrte Gesichter, komische Situationen, außergewöhnliche Momente.
Kein Wunder also, dass die Lomografie gerade bei jungen Menschen so beliebt ist. Die Fotos sind weit entfernt von dem, was die Masse unter Perfektion versteht.
Genauso wie wir.
Wen interessierts? Wir wollen einfach nur Spaß haben und nicht die richtigen Kamera-Einstellungen suchen!

Don’t worry about any rules.

written by t0m7 on 2010-06-16 #news #fun #funny #kultur #spass #lustig #mojo #theorie #analyse #reiz #kern #aussage #lomografie #grund #jugend

6 Comments

  1. trashpilotin
    trashpilotin ·

    genau so ists :D

  2. shoujoai
    shoujoai ·

    Schöner Artikel :)

  3. somapic
    somapic ·

    ich würd ja 2thumbs up geben wenns ginge :D

  4. floriansimon
    floriansimon ·

    Unglaublich gute Schilderung und Erläuterung des Lomo-Spirits.
    Mir gefallen besonders die Schuhe und die Light-Leak-Fisheye-Katze. Von den zwei Typen auf der Kärntnerstraße ganz zu schweigen :D

  5. vicuna
    vicuna ·

    Du hast es perfekt beschrieben! Bin völlig mit dir einverstanden! Wie @somapic: 2 thumbs up!! :))

  6. lawlietta
    lawlietta ·

    (Y) exakt getroffen!

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