Geschichten aus Kharkov (Fed 5B)

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Sergej setzte sich an den Ofen. Ohne Worte reichte er Andrej, der neben ihm saß eine Papirossy. Andrej griff zu, knickte in gewohnter Manier den Filter, liess sich Feuer geben und blickte wehmütig durch das Fenster hinüber in Richtung der alten Fabrik über dessen Eingang in grossen Lettern die Buchstaben FED prankten.

Foto von hier

Seit 1955 ging er jeden Morgen über den Hügel, reihte sich in die lange Schlange der Werktätigen vor dem Tor ein, stempelte seine Karte und ging an seinen Arbeitsplatz in der Endkontrolle wo er Tag für Tag das Jupiter 2,8/55mm an die Fed 5 anbrachte.

FED, in kyrillischen Lettern stand dieser Name an der Fabrik. Andrej war in der Nähe der Fabrik geboren und schon als kleiner Junge wusste er, das er einmal hier arbeiten wollte.
Hier, wo die herrlichen Kameras hergestellt wurden mit denen man so schöne Fotos machen konnte.

Schon sein Vater arbeitete in dieser Fabrik, die ihrem Namen Felix Edmundowitsch Dscherschinski verdankte, dem Gründer der Tscheka, der berüchtigten Geheimpolizei.

Mit der Partei und Politik wollte Andrej nie etwas zu tun haben, er war fasziniert von den Optiken und den Mechaniken der Kameras, die, so wurde hinter vorgehaltener Hand geflüstert, allesamt Kopien der Leica II oder der Leica III G aus Deutschland waren.

Sollten sie doch reden, hatten diese Leicas vielleicht jemals einen eingebauten Belichtungsmesser oder gar einen Messsucher gehabt? Nein, bei ihnen reichte es ja noch nicht mal für einen Schnellschalthebel…..

All dies war bei der neuen Fed 5 aber vorhanden und Sergej war seit Jahren dafür verantwortlich jede Kamera auf Fehler zu untersuchen und ihnen das Sehen beizubringen. So schraubte er Tag für Tag voller Stolz das Jupiter – Ojektiv in das M39 Gewinde und setzte den Plastikverschluss auf das Objektiv.

Die Fed 5 B, war sein Liebling. Mit ihr konnte man ohne Batterien fotografieren, man spannte den Film, stellte die Verschlusszeit ein (ganz wichtig, immer erst spannen) visierte und drückte ab. Sergej liebte dieses satte “Klack” des Auslösers. Man konnte die Zahnräder und die mechanischen Abläufe der Kamera förmlich spüren wenn man sie in den Händen hielt.

Er streichelte andächtig über die Kamera, die er gerade in den Händen hielt, eine Sonderauflage der 5 B, zu Ehren der Olympiade 1980 die zur Zeit in Moskau abgehalten wurde. Übermorgen sollte er die Kamera in einer feierlichen Zeremonie, im Olympiapark Luschniki, dem Goldmedaillengewinner Leonid Taranenko überreichen und das sollte zugleich sein letzter Arbeitstag sein.

Sergej konnte sich einfach nicht vorstellen nach all diesen Jahren ohne seine Kameras zu leben.

Genau 3 Jahre lag diese Zeremonie nun zurück.

Andrej schraubte die Flasche auf, füllte 2 Gläser mit Wodka, reichte eins davon Sergej und sagte mit rauher Stimme: “Auf Felix Edmundowitsch Dscherschinski und seine Fabrik”. Sergej wischte sich über die Augen, trank den Wodka, schmiss das Glas hinter sich, zog den Auslöser durch und es machte “Klack”……

Hilfreiche Infopage zur Fed 5

written by eyecon on 2010-03-06 #gear #russian #rangefinder #review #fed-5 #eyecon #ukraine #russenleica #kharkov

5 Comments

  1. gurkenprinz
    gurkenprinz ·

    wundervolle geschichte! wollte auch was über die kamera schreiben, aber das kann ich jetzt wohl bleiben lassen. es ist alles gesagt ;-)

  2. jansen
    jansen ·

    wow! tolle bilder und wirklich schöner bericht!

  3. wil6ka
    wil6ka ·

    Ich mag ja Kharkov!

  4. wil6ka
    wil6ka ·

    sehr schöne hände BTW!

  5. imbaaa
    imbaaa ·

    richtig cooler bericht :) waschsaloon -> nordstadt kopernikus straße right? :D

    habe mir vorgestern auch eine fed 5 günstig geschossen! bin gespannt auf die ersten resultate!

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