Kapitel 9 Lomo Kikuyu: Die Kikuyu Augenabteilung – Wie eine Augenklinik funktioniert

Zurück nach Kikuyu. Du weißt jetzt, worum es geht und warum es so wichtig ist, dem Kampf gegen Augenkrankheiten und Blindheit so viel Aufmerksamkeit und finanzielle Ressourcen zu schenken. Die Kikuyu Augenabteilung spielt eine Schlüsselrolle für ganz Kenia. Dass das Geld kostet, wenn auch viel weniger als bei uns, in den industrialisierten Ländern, ist klar. Und leider gibt es in den Entwicklungsländern nicht genug Geld.

Also werden Spenden benötigt. Alles klar? Natürlich möchtest du wissen, was mit diesen Spendengeldern wirklich passiert, wofür und wie effizient sie verwendet werden.

Das können wir dir am besten zeigen, indem wir dir das Teamwork in der Augenchirurgie und die positiven Auswirkungen einer solchen Operation im Gesamtzusammenhang beschreiben.
Um eine Augenoperation zu ermöglichen, müssen einige grundsätzliche Voraussetzungen erfüllt sein: Zunächst müssen die Betroffenen wissen, dass ihre Krankheit in der Kikuyu Augenklink behandelt und geheilt werden kann. Diese Information kann von Mund zu Mund verbreitet werden, per Telefon, über das Outreach Program (das wir später noch detailliert vorstellen werden) oder über jeden anderen Kommunikationsweg, der Menschen mit Augenproblemen offensteht.
Sobald die Patienten wissen, dass sie Hilfe erhalten können, müssen sie sich überlegen, wie sie die Augenklinik erreichen. Diese befindet sich, wie gesagt, in der Nähe von Nairobi – und das kann weit von der Heimatstadt des Patienten entfernt sein. Wenn ein Patient bereits vollkommen erblindet ist, benötigt er eine Begleitung auf dem Weg nach Kikuyu. Und dieser Weg kann lang sein, denn Kenia ist ein ziemlich großes Land. Zuverlässige öffentliche Verkehrsmittel sind selten, deshalb kommen viele Menschen zu Fuß in die Klinik. Das mag uns, die wir in post-industrialisierten Städten leben, als eine geradezu unmögliche Anstrengung erscheinen. Aber für Kenianer ist das keine große Sache.
Sie gewöhnen sich bereits im Kindesalter daran, große Entfernungen auf ihren eigenen Füßen zurückzulegen.

Unser “Beispielpatient”, nennen wir ihn Abdi, findet sich nach einem Fußmarsch von zwei Stunden, zwei Tagen oder 2 Wochen vor den Toren der Kikuyu Augenklinik wieder. Seine Daten werden aufgenommen und er wird gebeten, sich zu setzen und geduldig auf seine Eingangsuntersuchung zu warten.
Und das kann eine Weile dauern, denn in der Klinik warten schon viele andere Menschen auf ihre Behandlung. Wirf einen Blick auf Lomography.com und sieh dir die genauen Zahlen an. Zehntausend Patienten werden pro Jahr in der Augenklinik untersucht. Da kann man sich leicht ausrechnen, wie viele Menschen pro Tag Kikuyu besuchen. Eine beachtliche Anzahl, puh!

Später wird Abdi in den Untersuchungsraum der Augenklinik gebeten. Dort trifft er einen Arzt, der eine Diagnose erstellt. Diese Arbeit wird oft auch von Krankenschwestern und Assistenten übernommen, denn die ausgebildeten Augenärzte haben praktisch Tag und Nacht mit den Operationen zu tun.
Jährlich werden viele Assistenten ausgebildet – aber dazu später mehr.

Abdi ist schon etwas älter und auf beiden Augen blind. Vermutlich wird bei ihm ein Katarakt festgestellt.
Du weißt bereits, dass nach dieser Diagnose eine Operation notwendig ist. Die beiden trüben Linsen, mit denen Abdi geboren wurde, müssen durch künstliche Plastiklinsen ersetzt werden. Aber da viele Menschen auf ihre Operation warten, kann es nicht sofort losgehen. Vermutlich wird Abdi also die Nacht in einem der 75 Betten der Augenklinik verbringen und am nächsten Tag operiert werden.

Die Operation wird für den nächsten Morgen angesetzt. Auf dem Tagesplan stehen vor allem Katarakt-Korrekturen und Trachom-Chirurgien am Augenlid. Eine Katarakt-Operation dauert normalerweise nicht länger als 15 oder 20 Minuten. Es wird also keine halbe Stunde dauern, ehe Abdi wieder das Licht der Welt erblicken wird – wie so viele vor ihm. Das klingt etwas pathetisch, aber genau so ist es!

Das Erstaunlichste an dieser Operation ist, dass der Erfolg sofort sichtbar wird – in jeder Hinsicht.
Abdi kann wieder die Farben und Formen seiner Umgebung erkennen, zum ersten Mal seit Jahren – und das, während er noch auf dem Operationstisch liegt. Er kann sogar die Linsen des Mikroskops sehen und das konzentrierte Gesicht des Chirurgen. Diese prompte Wahrnehmung führt oft zu Emotionsausbrüchen: Die Operierten weinen oder schreien oder geraten in einen Schockzustand.
Das ist nicht nur ein bewegender Moment für den Patienten, sondern auch für die Ärzte – berührende, positive, wirklich bewegende Momente!

Im Grunde funktioniert diese Chirurgie in Afrika nicht anders als in modernen Ländern.
Nur auf die biometrische Messung wird verzichtet, um Kosten zu sparen. Biometrie ist der Name des Verfahrens, mit dem die benötigte Stärke der intraokularen künstlichen Linsen zuvor bestimmt wird. Erst dann wird die getrübte Linse des Patienten gegen die künstliche Version ausgetaucht. In Kikuyu entfällt diese Voruntersuchung. In den armen Ländern der Welt werden Standartlinsen verwendet, die zwischen 21 und 22 Dioptrien aufweisen. Das ist die normale Sehstärke. Das Sehen durch diese Standardlinsen mag westlichen Ansprüchen nicht genügen, aber in Afrika ist man damit absolut glücklich – zumal die Sicht später noch durch geeignete Brillengläser verbessert werden kann.

Ein weiterer kleiner Unterschied zwischen einer Katarakt-Operation in den armen Regionen Afrikas und den industrialisierten Gegenden der Welt liegt in der Operationsmethode. In Afrika macht man einen milimetergroßen Schnitt für die Linse, während anderswo ein Laser zum Einsatz kommt, der ein noch viel kleineres Loch erzeugt. Dieser winzige Unterschied bedeutet, dass ein operiertes Auge in Kenia noch Wochen nach dem Eingriff gerötet ist, denn, logisch, es benötigt mehr Zeit, um zu heilen.
Vermutlich muss Abdi eine ganze Weile lang einen Verband tragen. Außerdem muss er seine Augen regelmäßig mit einer Salbe behandeln. Aber er kann sehen – also ist das ein verhältnismäßig kleiner Preis, den er dafür zu bezahlen hat. Da wir gerade über den Preis sprechen: Was kostet ihn das Ganze?
Natürlich kann eine medizinische Behandlung nicht kostenlos sein. Die Operation ist auch für kenianische Maßstäbe nicht teuer, und diejenigen, die das Geld haben, bezahlen sie. Aber viele Menschen können dafür ganz einfach nicht die notwendigen finanziellen Mittel aufbringen, denn ihren minimalen Verdienst geben sie innerhalb weniger Tage für das aus, was ihre Gemeinschaft am dringendsten benötigt.
Sie versuchen mit dem, was sie haben, zu bezahlen: mit Weizen, Ziegen oder Hühnern.
Aber manche Menschen haben nicht einmal das.

Sollen die Helfer in der Augenklinik die Leute wegschicken, die nichts haben, nicht einmal Handelgüter? Niemand, der erlebt hat, wie vergleichsweise leicht diesen Menschen geholfen werden kann, bringt es über sich, ihnen die Behandlung zu verwehren. Das Ziel der Kikuyu Augenklinik ist es, allen blinden und in ihrer Sehkraft beeinträchtigten Menschen zu helfen, auch, wenn sie kein Geld haben, kein Land, kein Vieh, gar nichts. Die Möglichkeit, ein besseres Leben zu führen, sollte niemandem nur des Geldes wegen verwehrt bleiben.

Hier kommen die Spenden ins Spiel. Diese werden von Menschen erbracht, die es sich leisten können, einen Teil ihres Einkommens abzugeben, von uns, von dir. Du kannst einen Beitrag dazu leisten, den Menschen in Afrika die Welt des Sehens zu zeigen und zurückzugeben. Du ermöglichst nicht nur eine, zwei, zehn oder mehr chirurgische Operationen (je nachdem, wie viel du spenden kannst); ein Teil des Geldes wird auch für die Zukunft der Kikuyu Augenklinik verwendet. Denn um die Kapazität der Einrichtung zu erhöhen und ihren medizinischen Standard zu gewährleisten, muss neue Ausrüstung angeschafft werden, neue Laser, Mikroskope und andere Wunder der modernen Technologie. Und diese Instrumente werden nicht nur in der Klinik in Kikuyu verwendet; einige von ihnen werden über große Distanzen transportiert. Im nächsten Kapitel erfährst du, warum in Afrika ausgebildete Teams mit Tonnen von Ausrüstung viele hunderte Kilometer fahren, wie das Ganze funktioniert, und warum es ein wichtiger Teil der Arbeit der Kikuyu Augenklinik ist.

Lomo Kikuyu It’s good to see (again). Alle Lomographen, ihre Freunde und Bekannten weltweit sind aufgerufen, 5 Euro (so viel kostet das Buch im Online-Shop) zu spenden, um das Augenlicht eines Menschen zu retten. Ergreife deine Chance, indem du dir jetzt dein eigenes Exemplar des Lomo Kikuyu Book sicherst.

written by ungrumpy on 2012-03-26 #library #lomography #kikuyu #bibliothek #kenia #auszug
translated by princess_crocodile

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