Tramprennen 2011 - für Viva con Agua quer durch Europa

Das Tramprennen ist ein jährliches Rennen per Anhalter für die Trinkwasser-Initiative Viva con Agua. 2011 haben 108 Tramper am Rennen von Hamburg, Berlin und Basel bis nach Griechenland teilgenommen und im Vorfeld knapp 15.000 Euro Spendengelder für Trinkwasserprojekte in Guatemala und Burkina Faso generiert.

Von: wukk

Wieder mal hatten wir grandios vorgesorgt und uns verdammt ausgefuchst auf die Etappe vorbereitet. Matschige Bananen statt Äpfel, Käse statt Wasser. Aber immerhin: Käse. Für das Wasser mussten wir erst noch 2500km trampen – von Hamburg bis Griechenland. Jedoch nicht für uns, sondern für zwei Trinkwasserprojekte der Trinkwasser-Initiative Viva con Agua in Guatemala und Burkina Faso. Knapp 15.000 Euro haben die 108 Tramper im Vorfeld des Rennens gesammelt, jetzt mussten sie nur noch trampen. Deutschland, Östereich, Schweiz, Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Albanien, Griechenland. 2500 km für sauberes Trinkwasser.

Mit teilweise unheimlichen Geschwindigkeiten sind wir die A7 von Hamburg bis Basel heruntergebrettert, nur um uns über den Schweizer Wechselkurs und Döner für 8 Franken zu ärgern. An einer österreichen Dorftankstelle beobachteten wir Günter Netzer fluchen, streiten und pöbeln, in Innsbruck campierten wir wild über den Bergen der Stadt und genossen die Alpen wie ein Kind die Seifenblasen in der Badewanne. Am Wörthersee sahen wir ledrige Millionärshaut und teures Bier in dicken Bäuchen. Bis Zadar nahm uns ein kriselndes Berliner Ehepaar mit – Direktlift! Den Wettkampf hatten wir schließlich nicht vergessen: Etappe 3, Platz 1. 20 Punkte!

Wir wurden von einem der Fahrer zu einer Spritztour auf seinem Speedboot eingeladen, schluckten salziges Wasser und tranken die ein oder andere Hülsenfrucht am Steg der Hafenstadt. Jackpot, ein 1000-Sterne-Hotel, und das auch noch umsonst, Schlüssel nicht notwendig.

Von: wukk

Etappe 4: Zadar – Mostar. Irgendwo vor der bosnischen Grenze. Trockener Wind, staubige Straßen, wenig Vegetation, keine Autos. Und wieder hatten wir Käse, aber kein Wasser. Manche Kinder müssen die Herdplatte eben zweimal anfassen um zu merken, dass es wehtut. Nicht, dass wir in einer aussichtslosen Lage gewesen wären, aber irgendwo im bosnischen Inland ohne Verkehr und Trinkwasser kommt das westeuropäische Gemüt leicht mal ins Wanken… Es half nur Warten und geduldig sein. Kein Auto, keine kleine Ortschaft in Aussicht. Ein leerer Reisebus hielt und fuhr weiter, weil wir dem Regelwerk folgend kein Geld zahlen durften. Nichtmal mehr den Kopf konnten wir noch schütteln. Da fuhr jemand mehrere Tonnen Metall durch die Gegend, blies einen Haufen Dreck in die Luft, hatte 52 Plätze frei in seinem Gefährt – und nahm uns doch nicht mit.

Doch wir hatten es mittlerweile verstanden, dieses Trampen. Kein Grund zur Aufregung. Die Hochs und Tiefs. Das Warten und Fahren. Das Entspannen und das Angespannte. So standen wir wieder da, guckten dem Käse zu wie er schmolz und wussten insgeheim doch: das nächste Auto hält bestimmt. Und statt Geld in einem vollklimatisierten Reisebus für übergewichtige Touristen zu essen, saßen wir auf einmal mit Zementsäcken und allerlei Handwerkszeug auf der Rückbank im Auto von Laszlo, sprachen mit Händen und Füßen. Der freudige Mann stellte uns seiner Familie vor, wir wurden auf ein Bier eingeladen und über eine schöne Landstraße Richtung Mostar gebracht. Beim Trampen kennt man keine Ungeduld, keine Erwartungen, keine Ansprüche.

Von: wukk

Wie schreiben sich unsere Geschichten? Die Straße unser Papier, der Zufall unser Stift. Die Tinte, das sind wir, die Tramper. Nichts haben wir in der Hand. Federführend sind andere. Am Ende einer langen Reise ist unser kleines Reisebüchlein voller Anekdoten. Mal ist die Schrift unleserlich, mal bildhaft schön, mal geometrisch, mal völlig verkrakelt. Doch stets geschrieben mit derselben Tinte. Der rote Faden der Geschichte sind wir, die Protagonisten trotzdem andere.

Die Tinte geht niemals aus, solange wir uns einfach an den Straßenrand stellen. Mit Trinkwasser verhält es sich leider etwas anderes. Generell eine ebenfalls unendliche Ressource, die es trotzdem nicht an jeder Straßenecke gibt. Auch deshalb trampen wir einmal im Jahr quer durch Europa – um allen Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser zu ermöglichen.

Das Tramprennen findet man im Netz unter http://tramprennen.org – im Sommer 2012 geht es zum 5ten Mal wieder los!

written by wukk on 2011-12-02 #lifestyle #reisen #viva-con-agua #trampen #trinkwasser #begegnungen

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