The Caviar Diaries – Kapitel 5: Aserbaidschan

Nächster Halt: Aserbaidschan! Weiter geht es mit dem Caviar Diaries Abenteuer!

Aserbaidschan war von Anfang an eine wichtige Etappe meiner Reise. Die Landeshauptstadt Baku liegt am Ufer des Kaspischen Meers, welches die meisten Störarten beherbergt. Seine 371,000 km² Wasseroberfläche machen es zum größten von Landmassen umschlossenen Gewässer der Erde. Es entstand vor 5,5 Millionen Jahren aus dem prähistorischen Paratethys-Meer, welches sich damals von den Alpen bis zum heutigen Aral-See erstreckte. Das Wasser im Kaspischen Meer weist mit 1,2% nur ein Drittel des Salzgehalts der Ozeane auf. Dieser Umstand ist äußerst wichtig, denn der Stör benötigt exakt diese Konzentration, um zu gedeihen und den Rogen zu produzieren, aus dem Kaviar hergestellt wird. Nicht umsonst stammen 90% der weltweiten Kaviarproduktionen aus diesem Binnenmeer. Vor etwa sechs Jahren bin ich schon einmal in Aserbaidschan gewesen. Aus dieser Zeit habe ich einige gute Freunde. Ich kenne sogar einige aserbaidschanische Lobbyisten, die in Berlin arbeiten. Das Öl an Land und im Meer hat die Republik zu einem der wohlhabendsten Länder unter den ehemaligen UDSSR-Staaten gemacht. Aserbaidschan wurde 1918, während der Wirren des Ersten Weltkrieges, als erste demokratische und säkulare Republik der muslimischen Welt gegründet, verlor aber bald seine Unabhängigkeit und wurde 1920 Teil der jungen Sowjetunion.

Seit jeher fasziniert mich die Mischung aus Kommunismus und Islam, die im Laufe der Jahrzehnte in diesem Land eine einzigartige Melange erschaffen hatte. Die Mehrheit der Bevölkerung hat einen türkischen Hintergrund und bewahrt sich ihre diesbezüglichen Traditionen – auch, wenn sich im Laufe der Zeit einige sowjetische Angewohnheiten eingeschlichen haben. Heute ist Aserbaidschan ein sehr liberales muslimisches Land. Der Genuss von Alkohol und andere weltliche Freuden sind den Menschen dort nicht unbekannt. Und obwohl das Patriarchat mächtig ist, haben Frauen Mitspracherecht und können, wenn sie einen starken Willen und viel Engagement mitbringen, Karriere machen.

Der zweite Präsident des unabhängigen aserbaidschanischen Staates, Heydar Aliyev, brachte seinem Land Stabilität und ökonomisches Wachstum – allerdings auf Kosten eines autokratischen Regierungsstils. Bei seinem Tod trauerte das gesamte Land; inzwischen wird er als Ikone verehrt. Die Hauptstraße, die zum Flughafen führt, trägt seinen Namen – ebenso, wie der Flughafen selbst, viele Gebäude, Plätze, und, und, und. Überall sieht man sein Bild und sogar Statuen von ihm. Es scheint, als hätte Lenin in Punkto öffentliche Präsenz einen würdigen Nachfolger gefunden. Obwohl ich viel reise, bin ich lange nicht mehr als Backpacker unterwegs gewesen, und ich muss gestehen, dass ich es vermisst habe. Es sind viele interessante Leute auf der Straße unterwegs, besonders in so abgelegenen Ländern wie Aserbaidschan. Bei meinen Online-Recherchen hatte ich nur ein einziges Hostel in Baku gefunden. Die sechs Reisenden, die ich dort traf, waren Backpacker, die in der Hauptstadt unterwegs waren. Das Hostel befand sich mitten in der Altstadt, die inzwischen kunstvoll renoviert worden war (man kann sogar sagen zu kunstvoll). Als ich am frühen Morgen dort ankam, traute ich zunächst meinen Augen kaum: Ich sah einen jungen Mann in einem Rollstuhl. Das Gefährt selbst war kaum überraschend – dafür war sein Besitzer Peter es umso mehr. Dieser junge Engländer war von Bangladesch in Asien auf dem Weg in Richtung seiner Heimatstadt Liverpool in England – ganz allein und nur mit Hilfe seines speziellen Vehikels. Um meine Verblüffung zu verstehen muss man wissen, dass man in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion kaum behinderte Menschen in der Öffentlichkeit sieht, einfach, weil die Infrastruktur kaum für ihre Bedürfnisse geeignet ist. Allein die Bürgersteige in Baku sind so hoch, dass sie für einen Gehbehinderten zu einem unüberwindlichen Hindernis werden können; und das Besteigen eines Zuges ist ein unglaublicher Kraftakt. Ganz zu schweigen von der Notwendigkeit, sich in einer fremden Sprache verständlich zu machen. Eine solche Reise war der pure Wahnsinn, und das gefiel mir. Peter Donnelly war Mitte zwanzig und seit einem Motorradunfall im Alter von 19 Jahren gelähmt. Er setzte sich für Menschen mit ähnlichen Behinderungen ein, und seine aktuelle Herausforderung bestand darin zu beweisen, dass alles möglich war, solange man es wirklich wollte. Ich verbrachte einen inspirierenden Tag mit ihm. Den Menschen, die ihre Beine mühelos bewegen können, erscheinen viele Dinge selbstverständlich. Aber wenn Peter vor einer steilen Treppe steht, muss er sich am Geländer hochhieven und jemanden bitten, ihm seinen Rollstuhl hinterher zu tragen. Für uns ist das unvorstellbar, aber für ihn einfach eine Notwendigkeit. Wir kauften ihm ein Zugticket nach Georgien, und dann brach er auf. Danke Peter, dass du etwas Zeit mit mir verbracht hast!

Aber hatte ich auch meinen Auftrag nicht vergessen. Schon vor Reisebeginn hatte ich meine Freunde angesprochen, die zu meinem Glück Lobbyisten mit Beziehungen waren: Ein interessantes Tätigkeitsfeld. Ich nahm an, dass sie einflussreich genug wären, für mich den Kontakt zu einem Kaviarproduzenten in Baku herzustellen. Allerdings sind die Produktionsbedingungen von Kaviar nach europäischen Standards einigermaßen problematisch. Das betrifft auch den Schwarzen Kaviar, der vorwiegend vom wilden Stör gewonnen wird. Zeitweise gab es unter den Produzenten einen selbstauferlegten Bann, aber inzwischen wird, vor allem in Russland und im Iran, der Schwarze Kaviar wieder geerntet. Kommen wir zum Problem: Es gibt zwei Methoden, den Rogen des Störs zu erhalten. Man kann den Fisch melken – oder ihn aufschneiden. Ersteres Verfahren ist kompliziert und aufwändig, aber der Fisch überlebt es. Letzteres ist einfach und schnell und definitiv tödlich für den Fisch. Am Ende konnten die Lobbyisten mir jedenfalls nicht helfen, da sie Angst vor schlechter Presse hatten. Dabei bin ich niemand, der urteilt. Ich bin nur ein Beobachter mit einer süßen, harmlosen Plastikkamera.

Da stand ich also. Keine Spur vom Kaviar, aber noch so viele Filme zu verschießen. Zum Glück hatte ich noch einen anderen Kontakt. Aysel war die Geschäftspartnerin eines anderen Freundes; zusammen mit Konul leitete sie die Werbeagentur „SS Production“ in Baku. Wir besuchten sie in ihrem Büro und hätten nicht überraschter sein können: Im ersten Zimmer saßen die Techniker, allesamt Männer, und im zweiten Zimmer die Chefs, allesamt Frauen. In der von Männern dominierten aserbaidschanischen Gesellschaft war das wirklich erstaunlich. Aysel hatte einen scharfen Verstand und einen Raketenantrieb unter ihrem Bürostuhl. Ich erklärte ihr meinen Auftrag, der für Außenstehende, zugegeben, nicht ganz leicht zu verstehen ist. Dabei muss man zunächst das Konzept der Lomographie erläutern, ihre Geschichte und ihren Erfolg. Anschließend gilt es, eine kleine Plastikkamera vorzuzeigen. Manchmal kommt es eben doch auf die Größe an. Aber ich bin tapfer genug, um ein Lomograph zu sein. Erstaunlicherweise verstand Aysel die ganze Sache sofort. Sie tätigte einige Anrufe, und innerhalb weniger Minuten wurde ich von ihrer kompetenten Assistentin Ellina an die Hand genommen. Wir nahmen ein Taxi und fuhren zu einem großen Fischgeschäft in der Stadt. Dort konnte ich alle möglichen Fischdosen und auch frischen Fisch fotographieren. Der Besitzer des Fischladens und einige seiner Angestellten hatten ihren Militärdienst in der DDR abgeleistet und freuten sich, mich zu sehen. Tatsächlich waren damals viele aserbeidschanische Soldaten der Roten Armee in Deutschland stationiert. Nachdem ich meinen eigenartigen Auftrag erledigt hatte, bekamen wir noch ein Abschiedsgeschenk: Einen Fisch!

The Cavia Diaries wurden von Willie Schumann aka wil6ka, unserem Oktober Community LomoAmigo, verfasst. Schau auf seinem tollen LomoHome vorbei.

Das Special Edition Buch “The Caviar Diaries” ist auschließlich mit einer unserer La Sardina Metal Edition Kameras Beluga oder Czar erhältlich! Mach dich bereit, mit unserer La Sardina Kollektion in See zu stechen! Diese 35mm Kameras sind mit einer spektakulären Weitwinkellinse ausgestattet. Zudem verfügen sie über einen Rückspulknopf und einen MX Schalter für coole Mehrfachbelichtungen. Alles was du brauchst für endlosen Spaß!

written by jeanmendoza on 2011-12-02 #library #herr-willie #bibliothek #buch #abenteuer #la-sardina #caviar-diaries #kaviar
translated by princess_crocodile

More Interesting Articles