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Charkiw – ein kleiner Einblick in die Psyche der Ostukrainer und die Steinwerdung von Geschichte

Im Moment ist die Ukraine im Fokus der Medien. Durch die Unabhängigkeitserklärung der Krim und der Militärpräsenz Russlands ebenda. Nun ist die Krim ein Sonderfall und die Interessen Moskaus sind historisch durchaus nachvollziehbar. Wie sieht es aber mit der Zukunft der Ukraine vor allem in der Beziehung zu Russland aus? Die Verbindung zu Russland und der russischen Kultur ist sehr groß und machen die Identität des Landes und der Leute aus. In beiden Ländern spricht man gerne von Brudervölkern und besonders der Osten der Republik ist sehr russisch geprägt und trägt deshalb zum Grundkonflikt und der Spaltung des Landes bei. Als neutraler Beobachter möchte ich aber ein paar Highlights der Stadt Charkiw auf das rote Samtkissen packen und damit auch die Verbindung der Region zur Sowjetunion darstellen.

Foto von wil6ka

Das Drama auf der Krim ist politisch und jetzt geschichtlich hoch interessant, aber die ganze Sache ist hoch kompliziert und zieht sich im Moment auch in den Osten der Ukraine hinein. Auch dort gibt es viele Bürger, die sich politisch, ethnisch und sozial eher als Russen verstehen. Deswegen ist der Blick in die Geschichte so wichtig. Einen Ukrainischer Nationalstaat hat es in der Geschichte nie wirklich lange gegeben. Ja, selbst im Westen der Ukraine gibt es polnische und ungarische Minderheiten und ich kenne sogar griechische Minderheiten von der Krim. Der Zweite Weltkrieg hat als letzte Instanz Grenzen geschaffen, die jetzt wieder zu Ärger führen. Die Ukraine ist ein Vielvölkerstaat, der im Moment noch seine eigene nationale Identität findet. Und das eigentlich auch bisher im Einklang der vielen unterschiedlichen Gruppen. So werden die Russen oder ihre Sprache überhaupt nicht unterdrückt. Genau so wie es mit den anderen Kulturen geschafft wurde. Ich denke, bestimmte Konflikte werden von außen durch eine Lupe wahrgenommen. Viel wird propagandistisch stark übertrieben und vom Westen wie auch Russland in ihren Medien stark überspitzt.

Ich war schon mehrmals in der Ukraine und vor allem in Charkiw. Seit der orangenen Revolution ist der Diskurs über die politische Zukunft des Landes erwacht, leider wird er durch die wirtschaftliche Entwicklung immer wieder ausgebremst. Denn hast du keine Wurst auf dem Brot, ist jede Träumerei müßig. Vor allem im Donbass und anderen Regionen im Osten gibt es diesen Zwiespalt in der Gesellschaft, wo man denn nun hingehört. Diese dokumentiert sich auch in den Denkmälern der Stadt Charkiw. Die Sowjetunion hat das gesamte Land mit Denkmälern überzogen, um die Machtverhältnisse und die Ideologie in Steinen darzustellen. Auf dem Exerzierplatz in Charkiw ist deshalb ein riesengroßer Lenin. Im Gegensatz zu Kiew würde man ihn nicht vom Sockel reißen. Außerdem gibt es große Soldatendenkmäler, zu denen auch gerne spazieren gegangen wird. Die Geschichte der Sowjetunion ist faszinierend und wir sollten dankbar sein, dass sie uns die Nazis vom Hof gejagt hat. Neben aller Kritik an dem Unrecht, das im Krieg und danach geschehen ist, kann man stolz auf die Errungenschaften des Vielvölkerstaats sein. Und Stolz ist in dieser Region natürlich besonders wichtig. Wenn man wenig hat, will man wenigstens von der Geschichte erzählen. Heutzutage mischen sich dann die Denkmäler der Sowjethelden mit denen der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung wie dem Volkspoeten Taras Schewtschenko, oder einem Rummel. Alles ist erlaubt. Geschichte und Amüsement. Und wenn man heiratet wird man sich wahrscheinlich erstmal vor Lenin als vor der eigenen Familie zeigen! Alte Traditionen sterben langsam.

Und so ist es natürlich auch mit den Bürgern im Osten der Ukraine. Sie wollen zu etwas Großen gehören, auch wenn es nur um eine Idee oder eine Ideologie geht. Zumal die Ukraine auch damals sehr relevant im Zweiten Weltkrieg war und bereits diese Zugehörigkeits-Problematik hatte. Die einen fühlten sich von den Sowjets durch die Nazis befreit, die anderen haben gegen Hitler gekämpft. Das Russland unter Putin unterscheidet sich im Machtanspruch nicht besonders von der Sowjetunion. Und betreibt diese Idealisierung der Sowjetunion aktiv, auch durch die russischen Medien, die in der Ukraine wahrgenommen werden. Putin gibt auch schnell russische Pässe an Ukrainer aus und hat die Region wirtschaftlich eingebunden. Es ist ein Fakt, dass die Einnahmen aus dem Handel mit Russland substanziell für den Osten der Ukraine sind.

Wie geht es also weiter im Osten? In Donezk und Charkiw rufen schon die ersten nach Referenden und wollen auch zu Russland dazu gehören. Ich denke über Grenzen kann man lange reden, im 21. Jahrhundert sollten sie aber gar nicht so die Rolle spielen. Am Ende geht es doch eher um die Frage der wirtschaftlichen Unabhängigkeit und der persönlichen Freiheit. Man sollte die Geschichte nicht vergessen und ich glaube auch nicht, dass Russland als Feindbild für die Ukraine taugt. Ich denke, die beste Lösung wäre eine Lösung wie in der Schweiz, neutral. Kein Bündnis mit einer der beiden Parteien. Dafür Brücke zwischen Osten und Westen. Und dementsprechend auch Geld und Einfluss von beiden Seiten. Soll doch Amerika, die EU und Russland jeweils ihr Geld in das Land pumpen, eben dafür, dass es neutral bleibt. Und wer könnte ein besseres Bindeglied zwischen den Fraktionen sein, als ein Brudervolk mit gemeinsamer Geschichte. Ich hoffe, es wird so kommen.

written by wil6ka

2 comments

  1. sushi_9009

    sushi_9009

    Schöner Artikel Herr Willie :))
    Muss leider eingestehen, das ich mich nie sonderlich mit der Ukraine auseinandergesetzt habe...bis zu den Auseinandersetzungen rund um den Majdan war die Ukraine immer etwas was ich mit dem Brettspiel "Risiko" und natürlich mit Tschernobyl im Zusammenhang gebracht habe...Bin halt in WestBerlin aufgewachsen. Da hat man uns bis Beginn der 90ér weismachen wollen das Russland das personifizierte Böse ist...Hoffe das jetzt alle die Nerven behalten und Russland nicht noch weiter isoliert wird....Weltfrieden wirds wohl nie geben. :((

    9 months ago · report as spam
  2. wil6ka

    wil6ka

    @sushi_9009 danke André. Ist schon sehr spannend dort. Und klar Weltgeschichte ist ja keine faire Angelegenheit, sondern eben Risiko mit Würfelglück oder Pech. Ich bin ganz guter Dinge, dass die Ukraine in Zukunft prosperiert. Hoffe nur, dass es nicht allzu lange dauert...

    9 months ago · report as spam

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