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12 analoge Fragen an Jay L. Clendenin

Das erste mal trafen wir den L.A Times-Fotografen Jay L. Clendenin im letzten Jahr, als er mit einer 100 Jahre alten Petzval Linse experimentierte und Porträts von Olympioniken mit ihr schoss. Kürzlich erzählte er uns dann, wie dieser analoge Einsatz zustande kam, welche Berühmtheiten er am liebsten fotografiert und von seinem neuesten Filmprojekt. Lust auf Olympiade, Coachella und Sundance Filmfestival?

© Jay L. Clendenin/Los Angeles Times

NAME: Jay L. Clendenin
WOHNORT: Los Angeles, USA
ALTER: 39

1. Hi, Jay! Erzähl uns doch ein bisschen was über dich selbst.
Ich bin gebürtiger Californier und habe 9 Jahre an der Ostküste gearbeitet, hauptsächlich als Fotojournalist. Anfangs für die Zeitung “Hartford Courant”, später dann als Freiberufler für wöchentliche Nachrichtenmagazine wie Newsweek, Time und U.S News & World Report. Ich habe Themen wie das Weiße Haus oder den Kongress abgedeckt und irgendwann angefangen, mehr und mehr Aufträge im Bereich der Feature- und Porträt-Fotografie anzunehmen. Aufgrund dessen stellte mich schließlich die L.A. Times

Fotograd Jay L. Clendenin bei der Arbeit mit einer 100 Jahre alten Petzval Linse

2. Warum fotografierst du immer noch analog?
Ich liebe Herausforderungen. Ich habe mich in den Fotojournalismus verliebt, weil jeder Auftrag eine neue Erfahrung mit sich bringt und ein neues Problem darstellt, welches es zu lösen gilt. Wann immer ich Aufträge auf Film fotografierte, war es immer eine Art Stress, nicht “genau” zu wissen was dabei herausgekommen war, bis ich den Film vom Labor abholte. All die Fristen und der große Bedarf nach sofortigem digitalen Austausch heutzutage führen dazu, dass ich nicht so oft auf Film fotografieren kann wie ich es gerne hätte. Doch wenn ich die Gelegenheit habe, gefällt es mir sehr, wie dadurch der ganze Prozess verlangsamt wird und die analoge Fotografie hilft mir, mich auf die “Kunst” des Bildermachens zu konzentrieren und nicht so sehr darauf, wie viele Looks ich in fünf Minuten knipsen kann. Da ich meistens mit meiner 4×5 Laufbodenkamera fotografiere, sehen es die Menschen vor meiner Linse als einen künstlerischen Prozess an und sind dadurch meistens bereit, mir das Mehr an Zeit zu geben, das ich brauche. Leider führt dieses “Mehr an Zeit” bei Presseterminen dazu, dass nur 3-4 Schüsse auf Großformatfilm drin sind!

© Jay L. Clendenin/Los Angeles Times

3. Welche fotografische Ausrüstung (Kameras, Filme und Zubehör) hast du normalerweise in deiner Tasche?
Auf die Frage, was sich in meiner (Ausrüstungs-) Tasche befindet, hab ich keine genaue Antwort, da ich viele Taschen und Koffer habe und diese oft auch, je nach Fototermin, zusammenwürfle. Ich benutze Think Tank Rollkoffer seit es diese Firma gibt, das sind die langlebigsten.Oft benutze ich auch ein Hüfttaschensystem von Think Tank, kombiniert mit ein oder zwei Beuteln von Domke. Ich mag die Domke Beutel, weil das Material sehr strapazierfähig ist und sie sich flach zusammenlegen lassen, wenn sie leer sind. In deren großen Beutel passen meine 4×5 Filmrahmen und Filme bequem hinein. Meine 4×5 Kamera ist eine Zone VI Laufbodenkamera mit einer 150mm und einer 210mm Linse. Die wichtigste digitale Ausrüstung die ich nutze: Meine Haupt-DSLR ist eine Canon 5D Mark3 mit der 24-70mm II Linse und meine Zweit-DSLR ist eine Canon 5D Mark2 mit einer 45mm TS Linse oder meiner 50mm 1.2 Linse. Für die analoge Fotografie nutze ich eine Vielfalt an Farbfilmen oder den Kodak T-Max 100 B&W. Wenn ich Freunde dazu überreden kann, mir ihre Polaroid-Filme zu verkaufen, dann liebe ich den Polaroid Typ 55, doch seit 2011 hatte ich bei Emulsionen kein Glück mehr! Ich habe auch eine Sammlung von Plastikkameras, überwiegend Holgas, die ich auch mal zur Hand nehme wenn es die Zeit erlaubt. Mein neuestes Lieblingsspielzeug ist die Fuji Instax. Beim Sundance Filmfestival 2013, habe ich viele Abzüge hergegeben, aber trotzdem konnte ich dank der Kamera eine witzige Sammlung für mich selbst zusammenstellen!

4. Wie kam die Idee, Olympische Portraits in digital und auf Film zu schießen (und das obendrein mit einer 100 Jahre alten Petzval Linse) zustande? War das etwas, das du schon immer machen wolltest oder war’s eher ein Vorschlag deines Redakteurs?
Ich wusste, dass die L.A. Times schon häufiger Porträt-Projekte im Rahmen der olympischen Spiele auf die Beine gestellt hatte, und nachdem meine letzten Farb-Polaroids für die Fotoreihe von 2008 drauf gegangen waren, musste ich mir für 2012 etwas neues überlegen. Ursprünglich hatte ich überlegt, mit dem Kollodium-Verfahren zu arbeiten, doch als ich mich mit meinem Freund, dem Kollodium-Fotografen Chris Usher unterhielt, fragte er mich: “Hast du ein Budget einzuhalten? Denn wenn du das hast, solltest du es lieber nicht machen” Stattdessen brachte er mich auf die Idee, “Papiernegative” zu schießen, bei denen ich das Gradationsapier direkt belichten würde. Chris verstand, welchen Look ich erzielen wollte und schlug mir die Petzval Linse vor. Am Ende dieser einen Woche hatte ich die Linse und eine Schachtel Papier gekauft und hatte recherchiert, wo ich die Bilder entwickeln lassen könnte. Schlussendlich machte es aber für mich doch mehr Sinn (Interpretation: es war anders zu teuer!), alle Abzüge in meiner Badezimmer-Dunkelkammer selber zu entwickeln! Mein Redakteur Calvin Hom sah meine Testbilder und sagte: “Mach es! Warte, wie viel wird uns das kosten?!” Ich erzählte ihm von meiner Badezimmer-Dunkelkammer und er sagte: “Dann kannst du’s definitiv machen!” ;-)

5. Du hast gesagt, Großformat plus Petzval Linse set-up seien “umständlich und verbunden mit viel Experimentierei” aber gleichzeitig “entspannend und, was am wichtigsten ist, eine kreative Verjüngungskur”. Würdest du angesichts dessen ein solches Shooting wiederholen? Was für Petzval-Projekte planst du, falls überhaupt, für die Zukunft und welche Personen würdest du gerne als nächstes fotografieren?
Ich bin zwiegespalten wenn es darum geht, ein weiteres Projekt auf die gleiche Art und Weise durchzuführen. Der Reiz den die Fotografie, oder genauer, die Editorial-Fotografie für mich ausmacht, ist die Möglichkeit, mich jeden Tag mit einem neuen Motiv auseinanderzusetzen und mich mit jedem einzelnen auf eine eigene Art und Weise anzunähern. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich genauso darauf freuen würde, das gleiche Verfahren nochmal anzuwenden. Nichtsdestotrotz gibt es definitiv Persönlichkeiten/Motive, die ich gerne mit dieser Linse und eventuell auch mit den Papiernegativen fotografieren würde. Ich würde sehr gerne noch einmal mit Zach Galifianakis arbeiten, mit Rick Rubin, Steven Spielberg… wenn ich eine “Traumliste” erstellen könnte, dann auch Obama. Im Grunde liebe ich es einfach, Menschen mit einzigartigen Merkmalen zu fotografieren, speziell Bärte oder ein ausdrucksstarkes Gesicht . Die meisten der 4×5 Fotos, die ich bisher von namhaften Persönlichkeiten gemacht habe, sind von Menschen die ich bewundere, sei es für ihr Schaffenswerk oder für persönliche Errungenschaften.

6. Wer/Was sind deine Lieblingsmotive? Wann/wo fühlst du dich am meisten inspiriert?
Bis meine Tochter (jetzt 7Jahre alt ) auf der Welt war, war mein Vater mein liebstes (und auch gefälligstes) Motiv. Ich fühle mich eindeutig am wohlsten wenn ich Porträts schieße und mit der jeweiligen Person eine spezielle Idee durchziehe. Da ich heutzutage hauptsächlich mit Prominenten arbeite, ist es jedes mal ein kleiner (und nicht sehr häufig vorkommender) Sieg, wenn ich mit der Person in der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung steht (meistens nur 4-10 Minuten), genau das machen kann, was ich vorgeschlagen hatte. Wie gesagt, ich liebe die Kunstform, doch die Herausforderung, immer neue fotografische Probleme lösen zu müssen, ist ein riesiges Plus für mich.

7. Wir haben auch die Doppelbelichtungen gesehen, die du auf dem Coachella Festival geschossen hast. Wie war es, dieses unglaubliche Musik- und Kunstfestival auf Film zu bannen?
Genauso wie bei der olympischen Fotoserie, hatte ich auch schon etliche male auf dem Coachella Festival fotografiert, und musste etwas “fremdes” ausprobieren, um bei Verstand zu bleiben. Davor hatte ich mich auf eine Porträtserie konzentriert und musste nun etwas anderes machen. Nachdem ich bei den Olympischen Spielen 2012 den zügellosen Gebrauch des “Doppelbelichtungs-” Modus bei den neuen DSLR-Kameras mitbekommen hatte, entschloss ich mich dazu, mich selbst herauszufordern und meine alte Canon EOS 1V Filmkamera hervorzukramen und Doppelbelichtungen auf Film auszuprobieren. Herausforderung ist hier wieder eine Untertreibung. Drei Tage lang schleppte ich 12 Stunden am Tag drei Kameras mit mir herum. Das Fotografieren an sich brachte seine eigenen Probleme mit sich, sei es, ein Bild erst in meinem Kopf und dann im Bildsucher zu komponieren, oder, die zwei verschiedenen Bilder richtig zu belichten. Ich habe einige Testrollen verschossen bevor ich wieder abgefahren bin und habe die Tücken schnell durchschaut, doch das Herumhantieren mit drei Kameras, die tägliche Berichterstattung, das Wetter, usw., all das hat das Vorhaben zu einem großen Experiment gemacht.

8. Wenn du als Kamera um jemandes Hals hängen könntest, wer wäre dieser jemand und was würdest du gerne fotografieren?
Hmmm… Traurigerweise ist die erste Person, die mir einfällt, Steve Jobs – aber er weilt ja nicht mehr unter uns. Ich denke, die Welt durch die Augen eines Kindes zu sehen wäre der Wahnsinn, aber praktisch gedacht, und beeinflusst durch die Tatsache, dass ich den größten Teil meiner fotojournalistischen Karriere den Nachrichten- und Geschichtsressort abgedeckt habe, wäre es denke ich, sehr interessant, das tägliche Leben des US-Präsidenten einzufangen. Ich bin mir sicher, man würde anfangen Dinge zu sehen, die man nie mit diesem Symbol der geopolitischen Macht in Verbindung gebracht hätte.

9. Verrate uns doch einen deiner Tricks, die immer zu einem großartigen Foto führen
Au weia, “großartig” muss hier aber in Anführungsstriche! Ich würde nie sagen, dass eins meiner Fotos großartig ist (außer vielleicht eins von meiner Tochter)! Was ich aber sagen werde ist, dass es zwei Dinge gibt, die ich gerne mache, wenn ich bei einem Fototermin bin: 1) INS Licht fotografieren. Fühl dich nicht gezwungen, etwas gleichmäßig beleuchtetes zu fotografieren, Motive herumzudrehen oder in Richtung der vormontierten Lichter auf Veranstaltungen zu fotografieren. 2) Stell dich dahin, wo sonst keiner steht. In der Editorial-Fotografie ist es ein Gefühl, gegen das wir ständig ankämpfen müssen, wenn wir an einem Schauplatz ankommen, an dem auch andere Journalisten arbeiten. Klar, es ist toll, “das Foto” zu haben, das jeder an diesem Abend im Fernsehen (besser gesagt in den Nachrichten oder im Feuilleton) zu sehen bekommt, aber ich denke, es ist unsere Herausforderung etwas besser zu machen, indem man sich vom Rudel entfernt.

10. Beschreibe deine erste Erinnerung, als wäre sie ein Standfoto
Es ist seltsam, aber meine ersten persönlichen Erinnerungen sind verschwommen, vor allem, wiedermal, seit meine Tochter zur Welt gekommen ist. Ich erinnere mich, wie ich im Kreißsaal neben meiner Frau stand und in das Gesicht des Arztes schaute während meine Tochter geboren wurde. Die Vorfreude, zu erfahren was “es” ist, da wir uns entschlossen hatten, es nicht vorher zu erfahren.Vor mir sah ich das Knie meiner Frau, meine Tochter, ich konnte das Geschlecht immer noch nicht erkennen, lag vollgeschmiert mit dem üblichen “Zeug”, auf ihrer Seite in den Armen des Arztes. Ich schwöre, wir hielten die Luft an und starrten ihn an, warteten, es zu hören. Der Arzt schaute auf und sagte es uns, während er ihr schreiendes Gesicht uns zuwandte. Das war verdammt fantastisch.

11. Die seltsamste, lustigste, zweifellos großartigste oder unüblichste fotografische/Lomografische Begegnung die du jemals hattest.
Zwei Begebenheiten von zwei Fototerminen fallen mir da ein: 1) Während ich den Schauspieler/Komiker/Spendenmarathon-Moderator Jerry Lewis in Las Vegas fotografierte, boxte mir Jerry in den Schritt, währen ich mich ausgestreckt hatte um meine Beleuchtung auszurichten. Er war sehr lebhaft und non-stop zu Scherzen aufgelegt, aber von einem der “Könige der Comedy” in den Schritt geboxt zu werden, hat mich dennoch vollkommen überrumpelt. 2) Ich konnte nicht nur ein Portrait von U2 Frontman Bono ohne seine Brille machen, nein, während eines Selbstportraits mit ihm nahm er mich auch noch in den Schwitzkasten. Beide Geschichten gehören zu meinen Karriere-Highlights.

12. Was steht als nächstes an? Neue Projekte? Was ist schon in Arbeit und was noch in deinem Kopf?
Ich mache mir immer Listen von Ideen, die ich gern angehen würde. Momentan gibt es nichts, das man schon öffentlich vorstellen könnte, aber ihr könnt euch sicher sein, dass über einen Film gesprochen wird.

Gehe auf Jay L. Clendenin to um mehr Arbeiten des Künstlers zu sehen. Vielleicht gefällt dir auch “Olympische Porträtaufnahmen von einer uralten Petzval Linse.”

Genauso wie Jay, waren wir vom einzigartigen Aussehen und der fantastischen Optik der Petzval Linse entzückt und haben die Lomography Petzval Porträt Linse Kampagne auf Kickstarter ins Leben gerufen. Erfahre mehr auf der Petzval Microsite

written by denisesanjose and translated by stacy_mcpommes

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