Der Anhalter Garten

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Schon lange fahren hier keine Bahnen mehr. Das monotone Rattern von Rädern auf Gleisen hat dem Gezwitscher der Vögel Platz gemacht, dem gleichmäßigen Knirschen deiner eigenen Schritte, dem Rauschen des Windes in den Bäumen. Und dem leisen "Klick" deiner Kamera.

Hier gibt es keine Gartenzwerge, keine Beete. Keine Ordnung. Es gibt alte Badewannen mit rostigen Eisenfüßen, Einkaufswagen, Eisengerüste und Güterwaggons. Es gibt Türen ins Nichts. Trümmerschutt. Mauerreste.
Und wilde Natur, die sich ausbreitet und heimlich die Stadt übernimmt.

Pflanzen, Blumen, Bäume gehen ihren Weg, sie gestalten mit Geduld ihr Zuhause, bilden Kontrast und Antithese zu den schnell wachsenden Betontürmen Berlins und erinnern, langsam und beharrlich, an das Nebeneinander von Ungleichem. Rostige Eisenzäune überwuchert von wildem Efeu, von Moos und Zaunwinden. Mauerreste, ebenso fremd wie daheim in ewiger Spannung zwischen Technik und Natur.

Natürlichkeit in ihrer ursprünglichsten Form, nirgendwo findet man mehr davon. Hier bleibt alles sich selbst überlassen. Man holt tief Luft, vergisst für einen Moment alles Schlechte und findet Trost und Schutz, erkennt sich selbst als Teil von irgendetwas, was auch immer das sein mag.

Und heimlich pflanzt einem der Garten einen Samen ins Herz in der leisen Hoffnung, dass vielleicht eine Erkenntnis heranwächst.

All deine Schätze, die am Anfang allen gut vertraut,
sie wichen Plätzen, die auf Tränen und Blut gebaut.
Ich seh die Wunden blinder Wut auf deiner Haut entsteh’n,
obwohl doch die, die dich verletzen, damit gegen sich geh’n!
Und dennoch liegt etwas Heiliges in deiner Luft –
an besonderen Plätzen ein besonderer Duft,
der mir sagt, dass jeder Weg so wichtig ist wie jeder Fluss
und jeder Baum, jeder Berg dort steht, wo er muss.
Sie handeln wider ihren Sinnen, als wären sie blind,
wenn ihre Ziele nicht im Einklang mit den deinen sind."

(Lyrics: Thomas D – Gebet An Den Planet)

Ben Wagin ist ein Aktionskünstler und Theatermacher, der sich mit seinen Projekten im Raum Berlin für den Erhalt der Natur und für ein besseres Verhältnis und Verständnis des Menschen zur Natur einsetzt.

Sein wahrscheinlich bekanntestes Werk ist das Parlament der Bäume, der Gedenkort für die Todesopfer an der Berliner Mauer, zugänglich von der Promenade Schiffbauerdamm.
Doch die eindrucksvollste „Denkstätte“ ist ganz bestimmt der Anhalter Garten am Gleisdreieck.
Man hat nie alles gesehen. Egal wie oft man dort ist.

Adresse: Ben Wagins Anhalter Garten ist direkt beim Deutschen Technikmuseum, am Besten mit der U1 (Möckernbrücke) zu erreichen.

Über den Künstler: Ben Wagin

written by stadtpiratin on 2010-11-23 in #world #locations

5 Comments

  1. trashpilotin
    trashpilotin ·

    ich mag da gern mal mit dir hin!

  2. fruchtzwerg_hh
    fruchtzwerg_hh ·

    Toll, und schon wieder ein Ort, den ich noch nicht kannte, danke!

  3. obeyourdream
    obeyourdream ·

    schade dass Berlin so weit weg ist --,--

  4. stadtpiratin
    stadtpiratin ·

    @trashpilotin: Das ist von mir daheim sogar leicht zu Fuß zu erreichen. Machen wir mal!

    @fruchtzwerg_hh: :)! Ich bin auch ganz hin und weg, war da vorher auch erst einmal spät abends, da konnte man gar nicht alles sehen!

    @obeyourdream: Berlin ist immer eine Reise wert! Aber wenn du kommst, warte den Winter ab. Die Songzeile: "Im Sommer tust du gut und im Winter tut's weh" existiert nicht ohne Grund... ;)

  5. spoeker
    spoeker ·

    und schon auf der "muss ich hin" Liste :D

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