Alex, wat haste Dir verändert.

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Der Fernsehturm am Alexanderplatz macht langsam dem Brandenburger Tor als meistfotografiertes Wahrzeichen Berlins Konkurrenz. Er ist ja auch kaum zu übersehen und irgendwie immer irgendwo im Bild. Aber was gibt es sonst noch zu sehen rund um den Alex? Eine Stippvisite an einen geschichtsträchtigen Ort.

Wer in größeren Abständen in den Osten von Berlin kommt, stellt eines fest: Die Stadt häutet sich in einem unglaublichen Tempo. Vor allem von einer Haut scheint sie sich gar nicht schnell genug trennen zu können:
Die, die sie 40 Jahre lang zu Zeiten des real existierenden Sozialismus getragen hat. Dieser Wandel macht auch vor dem ehemaligen Herzen von Ost-Berlin nicht halt, dem Alexanderplatz.
Hier hatte in den 60er Jahren die DDR-Führung exemplarisch umgesetzt, wie man sich einen modernen Platz sozialistischer Prägung vorstellt, nämlich mit gaaaanz viiiel Raum.

Und so wurde der ehemalige Viehmarktplatz, der seinen endgültigen Namen übrigens 1805 zu Ehren von keinem Geringeren als Zar Alexander erhalten hatte, um ein vierfaches vergrößert. Und zwar zu einem schicken Aufmarschgelände für Militärspielzeug nebst jubelnden Menschenmassen mit Winkelementen.
Noch ein “Brunnen der Völkerverständigung” dazu, eine “Weltzeituhr”, ein paar flankierende Gebäude mit so wohlklingenden Namen, wie “Haus des Lehrers”, “Haus der Statistik” und “Haus des Reisens” diverse XXXXL Straßenkreuzungen und fertig war der Platz-Bausatz Marke Ost.

Bei so viel horizontaler Großzügigkeit durfte natürlich das Vertikale auch nicht fehlen. So zeigte man dem kapitalistischem Westen, wie hoch hinaus man im Arbeiter- und Bauernstaat wollte und vor allem konnte: Ein 30stöckiges Hotel (heute: Park Inn) und besagter Fernsehturm mit 365 Metern rundeten das Konzept ab.

Seinen vorerst letzten großen Auftritt in der Geschichte hatte der Alexanderplatz dann im November 1989. Wie von der Staatsführung angedacht, versammelten sich die Menschenmassen auf dem Platz, allerdings nicht um die Oberen zu feiern, sondern um das Auslaufmodell DDR endgültig in die Abstellkammer der Geschichte zu befördern.

So ging der Alex nach der Wende als bereits fertiges architektonisches Ensemble an die wiedervereinigte Stadt über. Anders als etwa der Potsdamer Platz, der nach dem Mauerfall als große Leerstelle im städtebaulichen Gesamtgefüge klaffte, danach zur größten Baustelle Europas wurde und schließlich zum in Beton, Stahl und Glas gegossenen feuchten Traum eines jeden Stadtplaners/Architekten.

Doch auch am Alex wurde weiter geträumt. 1993 fand ein städtebaulicher Wettbewerb zur Umgestaltung des Platzes statt und der Siegerentwurf sah den Bau von 13 jeweils 150 Meter hohen Hochhäusern vor.
Aus dem Mini-Manhattan an der Spree wurde dann doch (erst einmal) nichts und Berlin blieb sexy, weil arm.

Dafür gingen die Veränderungen im Kleinen voran: Die Straßenbahnen kehrten zurück auf den Platz.
Das ehemalige “Centrum Warenhaus” (heute Galeria Kaufhof) verlor seine einzigartige Wabenfassade und “wuchs” einige Meter weiter in den Platz hinein. Am anderen Ende entstand ein weiteres Einkaufszentrum (die Mitte) und dahinter…. noch ein Einkaufszentrum, welches, so viel Gleichberechtigung muss sein, auf den wunderschönen Namen “Alexa” hört.

Wo vor einigen Jahren noch ein scharfer Ostwind und ein sanfter Hauch der Ostalgie wehte, ziehen heute die satten Schwaden der mobilen Currywurst-Stände um die Stein- und Glasfassaden.

Trotzdem oder gerade deswegen, ein Besuch beim/auf dem Alex lohnt auf jeden Fall.
Die Einkaufszentren sind zwar wenig spektakulär, die üblichen Verdächtigen eben, die auch in der Fußgängerzone jeder gut sortierten mittelgroßen deutschen Stadt zu finden sind.
Aber der Platz selbst ist wieder zu einem quirligen und lebendigen Zentrum geworden. Die Weltzeituhr und der Brunnen der Völkerverständigung sind immer noch der Treffpunkt von Menschen aus aller Welt.
Eine Open-Air Ausstellung erzählt noch bis zum Oktober 2010 in Texten und Bilddokumenten von der Wendezeit 1989/90.

Mehr über die Ausstellung auf dem Alex

Es lohnt sich, den Platz in seiner ganzen Ausdehnung zu umrunden und auch mal in Quer- und Seitenstraßen abzubiegen, überall eröffnen sich neue fotografische Perspektiven. Im Süden schließt sich der Neptunbrunnen an und das Rote Rathaus, dann noch weiter die Statuen von Karl Marx und Friedrich Engels und zum Abschluss die Spree, wo man auf der anderen Seite eine große grüne Wiese sieht (ehemals der Standort des Palast der Republik), auf der vielleicht einmal eines schönen Tages das neue Berliner Stadtschloss gebaut wird.
Richtung Osten lohnt sich ein Abstecher in die Karl-Marx-Allee vorbei am Kino International, bis zum Strausberger Platz.
Und im Westen, die S-Bahn-Bögen entlang zum Hackeschen Markt…
Aber das sind andere Geschichten und die sollen ein anderes Mal erzählt werden….

Mehr über den Alexanderplatz
Mehr über die Gebäude am Alex
Das Kino International
Der Strausberger Platz

written by fruchtzwerg_hh on 2010-10-14 in #world #locations #karl-marx-allee #alexanderplatz #kino-international #alex #germany #strausberger-platz #landmark #berlin

4 Comments

  1. ck_berlin
    ck_berlin ·

    Sehr sehr gut geschrieben. Gefällt mir.

  2. annegreat
    annegreat ·

    Ein richtig guter Text! Toll recherchiert und die Eindrücke der letzten Jahre eingefangen. Aber Bild Nr. 5 passt auch irgendwie wie die Faust aufs Auge (Sale!): Ausverkauf des Alexanderplatzes. Dieses neueste Einkaufszentrum in der Nähe der Weltzeituhr hätten sie sich sparen können.

  3. zark
    zark ·

    Danke, danke, danke für diese toll geschriebene Location!

  4. lomodirk
    lomodirk ·

    Daumen hoch ;)

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