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In Arbeit / Work In Progress

Ein Versuch, meine Arbeitsweise zu erklären/ trying to explain the way I work (so far german only)

Photo by mephisto19

Zuerst einmal:

Ich kann nicht nicht fotografieren!
Ich sehe was, was du nicht siehst.
Ich sehe was, was du auch siehst, schneller.
Ich sehe in Fotos.
Ich habe (fast) immer mindestens eine Kamera dabei.
Ich möchte nicht nachbearbeiten und verändern, sondern direkt das gute Foto haben.

Welche Funktion hat die Fotografie für mich?

Zum einen dokumentiere ich meinen Alltag, so dass das Foto einem Tagebucheintrag gleichkommt. Es wird nachvollziehbar, wo ich war, wen ich getroffen und was ich gemacht habe. Ganz im Sinne der zehn goldenen Regeln der Lomografie. Ich nehme mindestens eine Kamera mit, so dass ich die Chance habe, ein Foto zu machen. Als visueller Mensch reagiere ich auf Strukturen, Farben und auf Abweichungen von “Regeln”, Durchbrechung von Struktur und Linie. Solche DInge springen in mein Auge. Es gibt auch sich wiederholende Motive oder Themen, wie z.B. die Plompetorengracht in Utrecht oder den Dom. Es sind Orte, die ich gerne aufsuche, die ich gerne fotografiere, die im Verlauf der Tages- und Jahreszeiten Veränderungen unterliegen.
Da ich meine Fotos nicht sofort sehe, komme ich immer wieder zu bestimmten Dingen zurück, bis ich ein zufriedenstellendes Ergebnis habe.
Das betrifft die “Alltagsfotos”.
Da ist aber noch mehr.

Zum Beispiel die mirrored- Bilder, Bilder, bei denen ich auf analogem Wege neue Eindrücke erzeuge. Durch diese Technik der Spiegelung entstehen geometrische Figuren, Motive ordnen sich neu an und verändern ihre Form, überlagern sich und ergeben etwas Neues. Durch die Spiegelung bzw. das Drehen der Kamera wiederholen sich einige Elemente in dem Bild. Diese Wiederholung kann stimmig, exakt, genau sein z.B. bei einem Gebäude, oder aber nicht exakt wie bei einem bewegten Gegenstand. Dadurch entstehen in der Wiederholung Irritationen für das Auge. Der Prozess des Spiegelns wird hinterfragt. Ist es eine digitale Umdrehung des Bildes? Wie kommt dann dieser Effekt zu Stande?
So sehr ich auch versuche, genau zu arbeiten, es entstehen immer diese kleinen Ungenauigkeiten, die Fragen aufwerfen.

Bei den Lichtzeichnungen gibt es mehrere Richtungen. Es gibt die landschaftlichen, also Bilder, wo der Eindruck einer Landschaft, eines Horizonts erzeugt wird, in dem die Lichtstrahlen agieren. Diese erinnern an riesige Scheinwerfer, die den Himmel absuchen.
Auch gibt es welche, die sich umkreisen, die natürliche Formen aufgreifen und wiedergeben, die an Eiweißmoleküle erinnern, an etwas Universelles, das jedem Menschen, jedem Lebewesen innewohnt. Gemeinsam haben sie, dass es sich um Langzeitbelichtungen handelt. Teilweise über viele Minuten belichteten Films, gefrorene Zeit in dieser Lichtzeichnung sichtbar gemacht, wobei auch oft Bewegungen mit dazukommen, Diese (monotonen) Bewegungen, teilweise bis an die Schmerzgrenze, erzeugen bestimmte Linien, mit dem Licht wird bewusst gezeichnet.

Die Advance Technik ist auch eine Überlagerung, wobei es hier auch auf den Verlauf ankommt, der sichtbar gemacht wird. Es geht nicht nur um eine statische Überlagerung, wie bei der HQME-Technik, sondern um die Zeit in ihrem Verlauf, die Veränderung des Einzelbildes und die Wiederholung in einer Sequenz von Bildern. Durch den Gebrauch einer Lochkamera (Diana Multi Pinhole Operator) sind die Belichtungszeiten Verlängert, was eine weitere zeitliche Ebene zu den Bildern hinzufügt.

Bei der HQME-Technik (High Quantity Multiple Exposure) geht es um die Auflösung der Form, die Auflösung der Kontur, das überlagern vieler Schichten. Es geht darum, übrigens auch bei den Lichtzeichnungen, Zeit in ihrem Verlauf festzuhalten. Durch die Überlagerung entsteht ein Sog, der weggeht von der reinen Formbetrachtung hin zum Inhalt, zu einer Emotion. Bewegungen werden angehalten und überlagert. Bei teilweise mehreren hundert Belichtungen auf einem Bild kommt es während des Fotografierens zu einer Art Trance, einem Versunkensein im Tun, dem Mitzählen von Auslösegeräuschen, dem Betrachten von Lichtveränderungen.
Portraitieren von Menschen führt zu Irritationen und die Frage “Darf ich mich bewegen?” wird oft gestellt.

Diese Überlagerungen zeigen sich auch in meinen Text- und Klangarbeiten.
Einzelne Buchstaben oder Laute werden Herausgenommen und durch Wiederholung und Überlagerung entsteht etwas Neues. Manchmal ist es ein Rhythmus (der auch in einigen Bildern auftaucht), manchmal ist es eine Melodie und doch entsteht immer ein Ganzes aus der Summe der Teile. Die Gesamtheit wird zerlegt, in einzelne Ebenen und dann zu einem neuen Ganzen zurückgeführt.

Hier ist ein Link zu dem Stück ‘Utrecht over Utrecht’ auf Soundcloud

Doch es gibt noch eine weitere Ebene, die mit dem Foto als Resultat nichts zu tun hat. Die Ebene des Fotografierens als Performance.
Ja, Performance.
Wer mich mal bei einem Fotospaziergang gesehen hat, weiß was ich meine. Den Kopf ständig in Bewegung um visuelle und auditive Reize wahrzunehmen und Entscheidungen über Fotos zu treffen, der Versuch, unauffällig zu sein, wenn es darum geht, Menschen zu fotografieren, dabei aber gleichzeitig ständig aufzufallen, das plötzliche Stoppen beim Gehen, das Anhalten beim Autofahren, das die Kamera Schnappen und aus dem Fenster halten, alles summiert sich zu einem Erlebnis für den Betrachter, das man als performativ bezeichnen kann. Doch es geht nicht allein darum, dem Betrachter ein Schauspiel zu geben, nein, es geht auch darum, was das Fotografieren mit mir macht. Wenn ich an eiskalten aber sonnigen Wintertagen Stunden draußen verbringe, um Menschen in der Stadt zu fotografieren (etwas, was ich sonst nicht so mache) und mir Blasen am Daumen hole vom Vorspulen des Films merke ich eine Veränderung, wenn ich trotz Höhenangst zehn Meter über einer Bühne entlanggehe, nur um aus der Perspektive ein Foto zu schießen kostet es mich unglaublich viel Kraft und den Willen durchzuhalten, wenn ich….

Wie gesagt, es ist ein Zwischenstop, ein Innehalten und Reflektieren über meine Arbeitsweise.

Hier nun der link zu der englischen Version – a link to the english version

written by mephisto19

8 comments

  1. metzgor

    metzgor

    tolle zusammenfassung und gute kurzerklärung der einzelnen techniken, hut ab! sehr gut gelungen.

    about 3 years ago · report as spam
  2. flamingo

    flamingo

    sehr schön!

    about 3 years ago · report as spam
  3. mapix

    mapix

    ...echt nicht leicht, über seine eigene Arbeitsweise zu sprechen - aber gut gelungen mephisto19! Und natürlich super Beispielfotos!¡

    about 3 years ago · report as spam
  4. smokshanne

    smokshanne

    Super!

    about 3 years ago · report as spam
  5. isilu

    isilu

    super zusammenfassung! daumen hoch!

    about 3 years ago · report as spam
  6. shoujoai

    shoujoai

    inspirierend! Gefällt mir :)

    about 3 years ago · report as spam
  7. trash-gordon-from-outer-space

    trash-gordon-from-outer-space

    Sehr interessant. Jetzt würde mich noch interessieren, wie du es rein zeitlich schaffst, die Masse an Fotos, die du so produzierst zu scannen, hochzuladen und zu taggen. Das erfordert sicher sehr viel Disziplin.

    about 3 years ago · report as spam
  8. borg_koenigin

    borg_koenigin

    Danke :)

    about 3 years ago · report as spam